Die Leiterin des Luxus-Aquariums ohrfeigte den schwarzen Wassertechniker wegen seiner nassen Uniform und zerschlug seine kleine Messflasche vor den Sponsoren – doch drei Sekunden später blieb der Meeresforscher vor einem Detail stehen.
KAPITEL 1
Der Schlag kam von schräg unten, und er war mit einer so kalkulierten, beiläufigen Härte geführt, dass mein Kopf nach rechts riss und meine Brille von der Nasenwurzel rutschte. Ich konnte sie gerade noch mit dem Handrücken der rechten Hand gegen den Brillenbügel drücken, bevor sie auf den Boden fiel. Das Geräusch – ein trockenes, scharfes Klatschen, das nackte Haut auf nackter Haut erzeugt – schien im ersten Moment von den glatten, zwölf Meter hohen Glaswänden des Verbindungsganges verschluckt zu werden. Dann kehrte es als leises, spitzes Echo zurück.
„Sie widerliches, unzivilisiertes Subjekt“, flüsterte Dr. Helena Voss. Ihre Stimme war nicht laut, aber sie besaß die vibrierende, eiskalte Schärfe einer Rasierklinge. „Wie wagen Sie es. Wie wagen Sie es, sich in diesem Zustand hier oben zu zeigen.“
Ich stand da und atmete durch die Nase aus. Der Geruch ihres Parfüms – etwas Schweres, das nach synthetischen Irisblüten und sehr viel Geld roch – legte sich über den Geruch, den ich selbst mit in den Gang gebracht hatte: den schweren, leicht fauligen Dunst von kaltem Salzwasser, feuchtem Beton und zersetztem Ozon. Mein dunkelblaues Arbeits-Polohemd war von der Brust abwärts vollkommen durchnässt. Der eiskalte Stoff klebte an meinem Bauch, und aus dem Saum meiner schweren Baumwollarbeitshose tropfte das Wasser im Sekundentakt auf den indigoblauen, handgeknüpften Läufer, den die Event-Firma am Nachmittag extra für die Jubiläumsgala ausgerollt hatte. Tropf. Tropf. Tropf. Jedes Mal, wenn ein Salzwassertropfen den teuren Wollflor traf, zuckte der linke Mundwinkel von Frau Voss, als hätte ich ihr persönlich mit einer Nadel ins Fleisch gestochen.
„Frau Doktor Voss“, sagte ich. Meine Stimme klang belegt, rau von den vier Stunden, die ich unten im Maschinenraum unter Deckungs-Niveau verbracht hatte. „Die Druckleitung in Sektor Sieben ist—“
„Halten Sie den Mund!“, zischte sie. Sie trat einen halben Schritt auf mich zu. Sie trug smaragdgrüne Seide, ein maßgeschneidertes Kleid, das ihre Schultern frei ließ, und an ihrem rechten Ringfinger funkelte ein Brillant, dessen Kante meine Wange beim Schlag haarscharf verfehlt hatte. Trotzdem spürte ich, wie sich auf der Haut über meinem Jochbein langsam eine heiße, pochende Schwellung bildete. „Ich habe Ihnen und Ihrer unseligen Keller-Truppe heute Morgen schriftlich über die Hausmitteilung anweisen lassen, dass der gesamte technische Bereich ab sechzehn Uhr den Westflügel nicht mehr zu betreten hat! Wir haben heute Abend die wichtigsten privaten Geldgeber des norddeutschen Raums im Haus. Menschen, Okonjo, die mit einer einzigen Unterschrift darüber entscheiden, ob wir im nächsten Jahr das neue Tiefsee-Riff bauen oder ob wir diesen Kasten hier in eine städtische Schwimmhalle umwandeln! Und Sie spazieren hier herein wie ein havarierter Matrose von den St. Pauli-Landungsbrücken?“
„Die Probe“, sagte ich und hob langsam meine linke Hand. Zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger hielt ich eine kleine, dickwandige Messflasche aus hitzebeständigem Schott-Duran-Glas. Sie fasste exakt fünfzig Milliliter. Auf dem Bauch der Flasche klebte ein Streifen gelbes Malerkrepp, auf den ich vor zehn Minuten mit einem wischfesten Fettstift drei Zahlen geschrieben hatte: 20:12 / B-07 / 0,42. Die Flüssigkeit darin war vollkommen klar, aber wenn man sie gegen das Licht der Deckenstrahler hielt, sah man winzige, milchige Schlieren, die träge durch das Glas zogen. „Das ist das Wasser aus dem Fundament-Auffangbecken unter der Hauptquarantäne. Ich muss das sofort in den Brutschrank im Labor bringen. Wenn ich das nicht binnen zwanzig Minuten auf sechsunddreißig Grad ansetze und mit dem Reagenz auf Nitrit gegenprüfe, weiß ich nicht, ob die Filterbank in Becken Drei morgen früh noch biologisch aktiv ist.“
„Es interessiert mich nicht!“, herrschte sie mich an. Ihre Brust hob und senkte sich jetzt schneller. Helena Voss war eine Frau, die es nicht gewohnt war, dass man ihr mit technischen Details widersprach. Sie war vor zwei Jahren vom Aufsichtsrat der Palais der Meere AG eingesetzt worden, nachdem der alte Direktor – ein gemütlicher, bärtiger Zoologe, der die Namen aller zweitausend Fische im Haus kannte – sanft in den Vorruhestand gedrängt worden war. Voss hatte Betriebswirtschaft in London studiert. Für sie war ein Aquarium kein Ökosystem, sondern eine „Flächen-Monetarisierungs-Einheit“. In ihrem ersten halben Jahr hatte sie drei der alten Tierpfleger entlassen, die Wartungsintervalle der Hauptpumpen von vier auf acht Monate verlängert und den Vertrag mit der Reinigungsfirma auf ein Minimum zusammengestrichen.
„Sie verstehen die Prioritäten dieses Hauses nicht, Okonjo“, sagte sie, und ihr Tonfall glitt plötzlich in diese herablassende, weiche Melodie ab, die Vorgesetzte aufsetzen, kurz bevor sie jemanden vernichten. „Sie sind ein Hilfsarbeiter. Ein alternder, überbezahlter Techniker, dessen Job man im Grunde auch an ein automatisiertes Sensor-System vergeben könnte. Sie haben hier keine Entscheidungen zu treffen. Sie haben zu funktionieren. Und wenn Sie nicht funktionieren, dann—“
Hinter ihr gab es ein weiches, mechanisches Klick-Surr.
Die doppelten, raumhohen Glasschiebetüren, die den Verbindungsgang vom Hauptfoyer trennten, glitten lautlos auseinander. Jemand hatte von der anderen Seite den optischen Sensor ausgelöst.
Mit einem Schlag flutete die Atmosphäre des Festes in unseren kalten, nach Beton riechenden Gang. Es war eine Wand aus Geräuschen und Licht: das helle, kristalline Klirren von angestoßenen Sektflöten, das gedämpfte, vornehme Lachen von achtzig wohlhabenden Menschen, das sanfte Zupfen eines Kontrabasses, der irgendwo unter der riesigen, von der Decke hängenden Walskelett-Nachbildung Jazz-Standards spielte. Das Licht im Foyer war warm, golden, getaucht in das indirekte Amber der riesigen Acrylglas-Säulen, in denen Ohrenquallen im künstlichen Gegenlicht tanzten.
In der offenen Tür standen drei Personen.
In der Mitte stand Senator Wartenberg, der für den städtischen Haushalt zuständige Finanzsenator der Freien und Hansestadt Hamburg. Rechts von ihm stand seine Frau in einem bodenlangen, nachtblauen Samtkleid. Links von ihm stand Albert von Finck, der siebzigjährige Patriarch der Finck-Schifffahrtslinie, dessen Familienstiftung allein drei Millionen Euro für die Grundsteinlegung dieses Gebäudes gespendet hatte.
Sie blieben wie angewurzelt stehen. Das Gespräch, das Wartenberg gerade mit von Finck geführt hatte – es ging um die Liegegebühren am Containerterminal Burchardkai –, brach mitten in einem Wort ab.
Die Szene, die sich ihnen bot, musste wirken wie ein surrealer, bösartiger Fremdkörper. Auf der einen Seite des blauen Teppichs stand Helena Voss, strahlend, perfekt, das Gesicht noch leicht gerötet von der Erregung. Auf der anderen Seite stand ich: ein siebenundfünfzigjähriger, zwei Meter großer Schwarzer Mann mit ergrauenden Schläfen, dessen nasse Kleidung dunkle Pfützen auf dem Boden hinterließ, die linke Wange deutlich sichtbar rot geschwollen, die Hände schmutzig von Schmierfett und Rohr-Dichtungsmasse.
Für einen Sekundenbruchteil sah ich die nackte Panik in den Augen von Helena Voss aufblitzen. Es war die Angst der Perfektionistin vor dem Kontrollverlust. Wenn sie jetzt zurückwich, wenn sie sich entschuldigte oder mich einfach ins Labor durchwinkte, war sie die schwache Direktorin, die ihr Personal nicht im Griff hatte.
Also tat sie das, was Menschen ihres Schlages immer tun: Sie wählte die Flucht nach vorn in die absolute Eskalation.
Sie drehte sich nicht zu den Senatoren um. Sie hielt den Blick fest auf mich gerichtet, aber sie hob die Stimme genau so weit an, dass jedes Wort glasklar durch die offenen Glastüren bis in die vordersten Reihen des Foyers trug.
„Nein, Okonjo!“, rief sie, und ihre Stimme bebte jetzt vor einer meisterhaft gespielten, moralischen Entrüstung. „Ich lasse mir diese Sabotage nicht länger gefallen! Ich habe monatelang schützend meine Hand über Sie gehalten. Ich habe den Gesellschaftern erklärt, warum die Betriebskosten im Untergeschoss dreißig Prozent über dem Budget liegen. Ich habe Ihre ständigen, völlig unbegründeten Panikmeldungen über angebliche Filter-Ausfälle toleriert, weil ich dachte, Sie bräuchten als langjähriger Mitarbeiter eine gewisse … soziale Rücksichtnahme.“
Ich spürte, wie sich die Haare auf meinen Unterarmen aufstellten. Hinter den Senatoren im Foyer bildete sich jetzt ein stiller Halbkreis. Die Gespräche starben ab. Selbst das Jazz-Trio spielte nur noch einen ganz leisen, unentschlossenen Grund-Akkord.
„Frau Voss“, sagte ich. Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Ich wusste, was hier auf dem Spiel stand. In Hamburg spricht sich so etwas herum. Wenn man mit 57 als „schwieriger, saboteuresker Techniker“ entlassen wird, bekommt man in dieser Stadt nicht einmal mehr einen Job als Hausmeister in einem Parkhaus in Billstedt. „Sie wissen ganz genau, warum die Kosten zu hoch sind. Wir haben im April die billigen chinesischen Membranen in die Osmose-Anlage eingebaut, weil Sie das Budget für die originalen deutschen Keramikfilter gestrichen haben. Die Dinger setzen sich alle drei Wochen mit Kalk zu. Ich muss sie manuell mit Salzsäure freispülen. Wenn ich das nicht tue—“
„Es reicht!“, schrie sie.
Sie machte zwei schnelle, harte Schritte auf mich zu. Ihr smaragdgrünes Kleid rauschte. Bevor ich begreifen konnte, was sie vorhatte, schossen ihre beiden Hände nach vorn und packten mein linkes Handgelenk. Ihre spitzen, lackierten Fingernägel bohrten sich tief in die weiche Haut an meiner Pulsader.
„Sie geben mir sofort diese Flasche!“, herrschte sie mich an. „Das ist Eigentum der Palais der Meere AG! Sie haben hier überhaupt nichts mehr zu untersuchen! Sie sind freigestellt! Mit sofortiger Wirkung! Verlassen Sie auf der Stelle das Gebäude!“
Ich hielt dagegen. Meine Hand war doppelt so groß wie ihre, meine Finger waren von vierzig Jahren handwerklicher Arbeit hart und von Schwielen überzogen. Ich hätte sie mit einer einzigen, leichten Drehung des Unterarms abschütteln können. Aber ich sah über ihre Schulter hinweg in das Gesicht von Senator Wartenberg. Ich sah das kühle, abwägende Gesicht des Reeders von Finck, der mich mit jener kühlen Neugierde betrachtete, mit der man im Zoo einen Silberrücken-Gorilla betrachtet, der gegen seine Gitterstäbe trommelt.
Wenn ich jetzt körperliche Gewalt anwandte, wenn ich diese Frau auch nur einen Zentimeter von mir wegschob, war ich am Montag nicht nur arbeitslos. Dann stand die Hamburger Polizei vor meiner Haustür in Langenhorn, und in der Lokalpresse würde stehen: „Eskalation bei Jubiläums-Gala: Techniker greift Direktorin an.“
Ich dachte an Martha. Ich dachte an das kleine Reihenhaus, das wir seit achtzehn Jahren abbezahlen. Ich dachte an das Rezept für ihre Schmerzmittel, das noch uneingelöst auf der Küchenanrichte lag.
Ich öffnete die Finger.
Helena Voss riss die kleine 50-Milliliter-Flasche mit einem triumphierenden Keuchen an sich. Durch den plötzlichen Riss schwappte ein kleiner Schwall des klaren Fundament-Wassers über den Glasrand und traf das Oberteil ihres Seidenkleides. Ein dunkler, runder Fleck bildete sich auf dem smaragdgrünen Stoff.
Für einen Moment starrte sie auf den Fleck. Ihr Gesicht verlor jede Farbe, dann schoss das Blut mit doppelter Hitze zurück in ihre Wangen. Ihre Züge wirkten jetzt fast fratzenhaft.
„Sehen Sie, was Sie getan haben?“, flüsterte sie. Dann drehte sie sich halb zum Foyer um, hob den rechten Arm mit der Flasche hoch über ihren Kopf und schleuderte das dicke Schott-Glas mit einer von reiner, unkontrollierter Wut getriebenen Wucht schräg vor meine Füße auf den dunklen Solnhofen-Steinboden.
Der Aufprall war ohrenbetäubend.
Das hitzebeständige Duran-Glas war darauf ausgelegt, Stürze von Labortischen zu überstehen, aber gegen den polierten bayrischen Naturstein und die rohe Gewalt ihres Wurfs hatte es keine Chance. Die Flasche explodierte förmlich. Ein dicker, scharfkantiger Glassplitter schoss an meinem linken Schienbein vorbei und riss einen feinen Faden aus meiner Arbeitshose. Der massive, zwei Zentimeter dicke Glasboden der Flasche prallte vom Boden ab, flog im Bogen gegen die hölzerne Sockelleiste der Glaswand und blieb dort mit einem hohlen Klock liegen.
Das Wasser – die fünfzig Milliliter Kontrollprobe, für die ich mir vier Stunden lang die Knie im eiskalten Schlamm des Kellers ruiniert hatte – verteilte sich in einer sternförmigen, dunklen Pfütze auf den grauen Fliesen.
Im Foyer herrschte jetzt eine Stille, die so vollkommen war, dass man das leise Zischen der Kohlensäure-Bläschen in den Champagnergläsern der Gäste hören konnte.
„Kowalski!“, rief Frau Voss. Ihre Stimme überschlug sich jetzt leicht. Sie hatte den Punkt der vornehmen Zurückhaltung endgültig hinter sich gelassen; sie war jetzt die absolute Herrscherin, die eine Hinrichtung anordnete. „Sicherheitsdienst! Wo ist Kowalski? Bringen Sie diesen Mann hier raus! Er hat Hausverbot! Wenn er sich weigert zu gehen, rufen Sie die Wache Drei am Scharfreiterplatz an!“
Aus dem hinteren Bereich des Foyers schob sich der breite, in eine viel zu enge schwarze Uniform gezwängte Körper von Peter Kowalski durch die Menge. Kowalski war neunundfünfzig, ein ehemaliger Werftarbeiter von Blohm+Voss, der nach dem Konkurs seiner Abteilung beim Sicherheitsdienst untergekommen war. Wir tranken jeden Morgen um sieben Uhr in der Teeküche des Kellers zusammen unseren Filterkaffee. Er sah die Glasscherben auf dem Boden. Er sah meine geschwollene Wange. Er sah Frau Voss, die mit zitterndem Finger auf mich zeigte.
„Mensch, David“, brummte Kowalski. Er blieb drei Schritte von mir entfernt stehen. Seine Hände hingen unschlüssig an den Seiten seiner Koppel herunter; er machte keine Anstalten, seinen Schlagstock oder das Funkgerät zu ziehen. Seine Augen waren voller Scham. „Komm. Mach keinen Scheiß. Geh einfach runter zu den Spinden, pack deine Tasche und fahr nach Hause. Wir reden da Montag drüber. Bitte, tu mir den Gefallen.“
Ich sah Kowalski an. Dann sah ich auf den Boden.
Das Wasser aus der zerschmetterten Flasche war nicht einfach im Stein versickert. Es hatte sich in den feinen, porösen Mikrorissen des Solnhofener Plattenkalks gesammelt. Und genau in der Mitte der Pfütze, dort, wo die Oberflächenspannung des Wassers am höchsten war, trieb ein winziges, vielleicht vier Millimeter langes Objekt. Es war von einer leuchtend orangefarbenen, glatten Silikonschicht überzogen. Im warmen Halogenlicht des Ganges reflektierte es den Strahl eines Decken-Spots mit einem harten, künstlichen Blitzen.
Es war kein Stein. Es war kein Stück Dichtungsgummi.
Es war ein Mikro-Transponder. Ein subkutaner Tier-Chip, wie man ihn großen, wertvollen Zuchtfischen mit einer Hohlnadel unter die Rücken-Schuppen schießt, um ihre Bewegungen im Hauptbecken über die Antennen im Felswerk zu tracken.
Aber das Quarantäne-Becken Sieben, aus dessen Fundament ich diese Probe vor zwanzig Minuten mit der Handpumpe hochgezogen hatte, war laut dem offiziellen Bestandsbuch der Palais der Meere AG seit vierzehn Monaten vollkommen leer. Es war als „außer Betrieb / Sanierungsfall“ deklariert. Niemand durfte dort hinein. Die automatischen Futterautomaten waren abgeschaltet, die Beleuchtung war tot. Warum schwamm ein aktiver, brandneuer Transponder-Chip im Sickerwasser eines leeren Betonschachtes?
„Haben Sie mich nicht verstanden, Kowalski?“, schrie Helena Voss. Sie stand jetzt direkt neben dem Reeder von Finck, als suche sie bei der Finanz-Elite Schutz vor dem schwarzen Monstrum im Gang. „Fassen Sie ihn an! Schieben Sie ihn raus! Dieser Mensch ist eine Gefahr für die Betriebssicherheit!“
„Frau Doktor Voss“, sagte ich. Ich rührte mich nicht vom Fleck. Ich sprach jetzt sehr langsam, sehr laut und mit einer Kälte, die ich selbst nicht an mir kannte. „Wissen Sie eigentlich, was in Becken Sieben ist?“
„Schaffen Sie ihn weg!“, kreischte sie. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.
In diesem Moment bewegte sich die Menge im Foyer.
Es war keine schnelle Bewegung. Es war das würdevolle, langsame Zurücktreten von Menschen, die Platz für jemanden machen, der über ihnen steht. Senator Wartenberg trat einen Schritt nach links. Seine Frau zog den Saum ihres Samtkleides zurück.
Durch die Lücke trat ein Mann in den gläsernen Gang.
Er passte überhaupt nicht hierher. Er trug keinen Smoking, sondern ein dunkelbraunes, an den Ellbogen deutlich aufgescheuertes Cord-Sakko über einem verwaschenen, hellblauen Oberhemd, dessen oberster Knopf geöffnet war. Seine Hosen waren aus dickem, grauem Flanell, und an den Füßen trug er klobige, rahmengenähte Halbschuhe aus genarbtem Rindsleder, die aussahen, als hätten sie schon dreihundert Kilometer nordfriesischen Deichboden gesehen. Er war groß, hager, leicht nach vorn gebeugt, und sein dichtes, vollkommen weißes Haar stand ihm in wilden Strähnen vom Kopf ab. Über seiner Nase saß eine dicke Nickelbrille mit runden Gläsern.
Es war Professor Dr. Christian Thomsen.
Wenn man in Deutschland über Meeresbiologie spricht, spricht man über Thomsen. Er hatte in den achtziger Jahren das Geomar-Institut in Kiel mit aufgebaut; er war der Mann, der den Bundestags-Ausschüssen das Sterben der Nordsee-Krabben erklärte, und seine Lehrbücher über marine Stoffwechsel-Kreisläufe standen im Regal jedes einzelnen Biologie-Studenten zwischen Flensburg und Konstanz. Er war heute Abend hier, weil die Palais der Meere AG seinen Namen auf der Sponsoren-Tafel brauchte, um dem Projekt den Anstrich von seriöser Wissenschaft zu geben.
Thomsen sah Helena Voss nicht an. Er würdigte Senator Wartenberg keines Blickes. Er lief mit langsamen, bedächtigen Schritten an Kowalski vorbei, hielt direkt auf die feuchte Stelle auf dem Teppich zu und blieb exakt vor den glitzernden Scherben meiner Schott-Flasche stehen.
„Christian“, sagte Albert von Finck aus dem Foyer heraus. Seine Stimme klang warnend. „Lass das. Das ist eine interne Personalangelegenheit der Verwaltung. Komm zurück ans Buffet, der Hauptgang wird angerichtet.“
Thomsen hörte gar nicht hin. Er senkte den Kopf. Seine dicken Brillengläser spiegelten das Licht der Bodenstrahler. Er steckte die Hände in die Taschen seines abgetragenen Cord-Sakkos, wühlte einen Moment darin herum und zog ein kleines, schwarzes Etui aus weichem Nappaleder hervor.
„Frau Voss“, sagte Thomsen. Seine Stimme war tief, brummig, mit diesem unverkennbaren, trockenen Kieler Zungenschlag, der jedes ‘S’ wie ein scharfes Messer klingen lässt. „Was war das für ein Glas?“
Helena Voss versteifte sich. Das arrogante Lächeln kehrte für den Bruchteil einer Sekunde auf ihre Lippen zurück, aber es erreichte ihre Augen nicht. „Professor Thomsen … bitte. Verzeihen Sie diesen unwürdigen Auftritt. Das ist ein unzuverlässiger Schicht-Arbeiter, der uns hier mit … mit kontaminiertem Spülwasser aus der Filterreinigung belästigt. Wir haben oben im Salon den frischen Steinbutt—“
„Das war Duran-Glas“, unterbrach sie Thomsen. Er sprach vollkommen ruhig, fast träge, während er das Nappaleder-Etui mit dem Daumen aufklappte. „Fünfzig Milliliter, Weithals, hitzestabilisiert. Solche Flaschen benutzt man nicht für Spülwasser, Frau Kollegin. Die kosten das Stück vierzehn Euro im Großhandel. Die benutzt man für sterile Proben-Ziehungen im Hochsicherheitsbereich.“
Er kniete sich hin.
Es war ein beunruhigender Anblick: Dieser einundsiebzigjährige, hochdekorierte Wissenschaftler, dessen Knie laut und vernehmlich knackten, als er seinen langen Körper mitten in die schmutzige Salzwasserlache und die scharfen Glassplitter auf den Steinboden herabließ. Der Saum seiner grauen Flanellhose sog sich sofort mit der Feuchtigkeit voll.
„Herr Professor!“, rief Helena Voss. Sie machte einen halben Schritt nach vorn, streckte die Hand aus, zog sie aber sofort wieder zurück, als fürchte sie, Thomsen zu berühren. „Das ist unhygienisch! Der Mann hat dort unten mit Fäkalien-Pumpen hantiert!“
Thomsen ignorierte sie vollkommen. Er klemmte sich eine kleine Juwelierlupe mit schwarzem Kunststoff-Gehäuse vor das rechte Auge. Dann beugte er seinen Oberkörper so weit nach unten, dass seine weiße Haarsträhne fast das nasse Granit-Pflaster berührte.
Eins. Zwei. Drei.
Drei Sekunden lang herrschte im Foyer eine Totenstille. Man hörte das ferne Hupen eines Schleppers unten auf der Elbe. Man hörte das schwere, pfeifende Atmen von Kowalski neben mir. Ich blickte auf den Nacken von Professor Thomsen. Ich sah die tiefen, braunen Altersflecken auf seiner Haut. Ich sah, wie sich seine rechte Hand langsam vorschob.
Seine dicken, von Gartenarbeit und Seeluft gezeichneten Finger zitterten kein bisschen. Mit der absoluten Präzision eines Chirurgen schob er Daumen und Zeigefinger in die Mitte der Pfütze und fischte das winzige, orangefarbene Transponder-Plättchen aus der Flüssigkeit.
Er hielt es hoch gegen das Licht.
Dann nahm er die Lupe vom Auge, steckte sie zurück in das Sakko und richtete sich auf. Er brauchte einen Moment dafür; er musste sich mit der linken Hand auf seinem Knie abstützen. Als er stand, wischte er sich einen Tropfen des Sickerwassers von der Daumenkuppe, verrieb die Flüssigkeit zwischen den Fingern und führte die Hand langsam an seine Nase. Er schloss die Augen und atmete tief ein.
„Interessant“, sagte Thomsen.
Er drehte sich langsam um. Er blickte Helena Voss nicht von oben herab an, sondern neigte den Kopf leicht zur Seite, wie ein Lehrer, der einem Schüler bei einem besonders dummen Täuschungsversuch zusehe.
„Frau Dr. Voss“, sagte er. Die Kälte in seiner Stimme war jetzt nicht mehr brummig; sie war absolut tödlich. „Das hier ist ein passiver RFID-Mikro-Transponder der Baureihe Trovan-ID-100. Gekapselt in biokompatiblem Glas mit Silikon-Mantel. Diese Serie wird seit drei Jahren nicht mehr an den freien Handel ausgeliefert. Die Bestände liegen ausschließlich beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn.“
Helena Voss schluckte. Man sah den harten, trockenen Muskelzug an ihrem Hals. „Ich … ich bin kaufmännische Direktorin, Christian. Ich kenne die Inventar-Listen der tiermedizinischen Abteilung nicht auswendig. Wahrscheinlich hat der Techniker das Ding aus einem alten Müll-Container—“
„Wissen Sie, warum ich diese Transponder so gut kenne, Frau Voss?“, fragte Thomsen. Er machte einen langsamen Schritt auf sie zu. Er hielt das winzige orangefarbene Körnchen direkt vor ihr Gesicht, keine zehn Zentimeter von ihrer makellosen Nase entfernt. „Weil ich im vergangenen November im Auftrag des Umweltministeriums persönlich die Ausfuhr-Zertifikate für die sechsunddreißig Arapaima gigas – die geschützten Amazonas-Riesenfische – unterschrieben habe, die Ihr Haus angeblich für das Zuchtprogramm nach Riad exportiert hat.“
Im Foyer hinter uns gab es eine plötzliche, scharfe Bewegung. Albert von Finck stellte sein Sektglas so hart auf ein Tablett, dass der Stiel knackte.
„Christian“, sagte der Reeder. Seine Stimme war jetzt vollkommen tonlos. „Was redest du da.“
„Ich rede von Chemie, Albert“, sagte Thomsen, ohne den Blick von Helena Voss zu lösen. „Das Wasser an meinen Fingern riecht nicht nach Nitrit. Es riecht nicht nach Ozon. Es hat einen pH-Wert von unter fünf, und es riecht hochgradig nach unverdünntem Formaldehyd und Kupfersulfat. Das ist kein Fundament-Wasser. Das ist das Sickerwasser aus einer illegalen Kadaver-Grube.“
Er wandte sich ganz langsam zu mir um. Seine alten, wässrigen Augen hinter den dicken Gläsern sahen mich zum ersten Mal an. Er sah meine Schwellung. Er sah meine nassen Schuhe.
„Herr Okonjo“, sagte er, und er benutzte das ‘Sie’ mit einer Würde, die mir fast die Tränen in die Augen trieb. „Wo genau führt die Druckleitung aus Becken Sieben hin?“
„In den städtischen Siel-Kanal unter der Speicherstadt, Herr Professor“, sagte ich. Meine Stimme trug jetzt durch den ganzen Raum. „Über einen versteckten Bypass-Schieber hinter der Haupt-Heizung. Den hat die Firma Voss im Januar einbauen lassen, angeblich zur ‘Not-Entwässerung bei Hochwasser’.“
Thomsen nickte langsam. Dann drehte er sich wieder zu der kaufmännischen Direktorin um.
Helena Voss war vollkommen weiß im Gesicht. Das smaragdgrüne Kleid wirkte an ihr plötzlich wie eine Verkleidung, die man einer Schaufensterpuppe übergezogen hatte. Ihre Unterlippe zitterte so stark, dass sie die Zähne aufeinanderbeißen musste.
„Frau Dr. Voss“, sagte Professor Thomsen im vollkommen stillen Foyer der Hamburger Millionäre. „Erklären Sie mir, dem Finanzsenator und den Herren der Reederei doch bitte vor dem Hauptgang … warum schwimmt der amtliche Identitäts-Chip eines angeblich in Saudi-Arabien schwimmenden, dreihunderttausend Euro teuren Riesenfisches in einer hochgiftigen Verwesungs-Brühe unter den Füßen Ihrer Gäste?“
KAPITEL 2
Die Totenstille im gläsernen Verbindungsgang hielt genau so lange an, wie man braucht, um einmal tief und schmerzhaft durch die Nase einzuatmen. In dieser kurzen, vollkommen eingefrorenen Spanne schien sich die gesamte Atmosphäre des Abends zu drehen. Das helle, kristalline Klirren der Champagnergläser im Hauptfoyer war erstorben; selbst der Kontrabassist des Jazz-Quartetts hatte seine Hand flach auf die dicken Saiten gelegt, sodass der letzte tiefe Ton mit einem hohlen, hölzernen Summen im Korpus seines Instruments verhungerte.
Alle blickten auf die kleine, glitzernde Pfütze zu meinen Füßen. Und dann blickten sie auf das winzige, orangefarbene Transponder-Plättchen, das Professor Thomsen zwischen den Spitzen seines Daumens und Zeigefingers hielt.
„Christian“, sagte Albert von Finck.
Die Stimme des siebzigjährigen Reederei-Patriarchen war nicht laut, aber sie besaß jene schwere, dunkle Trockenheit, die Männern zu eigen ist, deren Sätze am Hamburger Landgericht üblicherweise wie notarielle Urkunden behandelt werden. Er löste sich aus dem Halbkreis der erstarrten Ehrengäste, trat zwei langsame Schritte über die Schwelle der automatischen Glastüren und blieb am Rand des blauen Teppichs stehen. Sein maßgeschneiderter Smoking wirkte an seinem breiten, von unzähligen Nordsee-Stürmen gegerbten Körper fast wie eine Uniform.
„Christian“, wiederholte von Finck, und seine buschigen, weißen Augenbrauen zogen sich so tief zusammen, dass seine Augen dahinter zu schmalen, grauen Schlitzen wurden. „Du bist ein Mann der Wissenschaft. Ein hochdekorierter Mann. Aber du stehst hier auf dem Teppich einer Aktiengesellschaft, deren Aufsichtsratsvorsitz ich führe. Wenn du hier vor den Vertretern des Senats das Wort ‚Verwesungs-Brühe‘ in den Mund nimmst, dann erwarte ich, dass du diesen Satz entweder augenblicklich als unbedachte rhetorische Entgleisung zurückziehst – oder dass du ihn mit Fakten belegst. Und zwar mit Fakten, die einer juristischen Überprüfung durch meine Hausanwälte am Montagmorgen standhalten.“
Professor Thomsen richtete sich vollends auf. Sein langes, hageres Gestell knackte dabei vernehmlich im Lendenwirbelbereich. Er würdigte den Milliardär keines Blickes, sondern holte mit einer geradezu provozierenden, geradezu bäuerlichen Seelenruhe ein sauberes, rot kariertes Stofftaschentuch aus der Brusttasche seines abgetragenen Cord-Sakkos. Sorgfältig, Finger für Finger, wischte er sich das klebrige, nach Formalin und altem Fisch riechende Sickerwasser von der Haut.
„Albert“, sagte Thomsen, und sein trockener Kieler Akzent schnitt durch den Gang wie ein altes, gut gewelltes Brotmesser. „Wir beide saßen schon 1982 zusammen im Vorstand des Kieler Yacht-Clubs. Ich habe damals schon deine Rechnungen für das Unterwasser-Antifouling deiner Regatta-Boote nachgerechnet, weil du der Meinung warst, man könne das hochgiftige Tributylzinn einfach nachts im Hafenbecken von Schilksee abkratzen, solange der Hafenmeister schläft. Du konntest mir damals nichts vormachen, und du kannst es heute nicht.“
Er hielt das Taschentuch gegen das Licht der Halogen-Strahler. Auf dem hellen Stoff hatte sich ein gelblicher, leicht schmieriger Rand gebildet.
„Riech daran, Albert“, sagte Thomsen und streckte dem Reeder den Arm entgegen. „Das ist kein Fundament-Wasser aus einer geplatzten Dichtung. Das ist eine dreißigprozentige, mit Kupfersulfat versetzte Formaldehyd-Lösung. In der Meeresbiologie nennen wir das eine ‚Stopp-Brühe‘. Man benutzt sie in pathologischen Instituten, um den Zersetzungsprozess von marinen Groß-Organismen augenblicklich einzufrieren, wenn man die Kadaver nicht sofort verbrennen kann. Und dieses kleine orangefarbene Reiskorn hier…“ Er klopfte mit dem Fingernagel gegen das Nappaleder-Etui, in das er den Transponder-Chip gleiten lassen hatte. „…ist die amtliche Kennung des Arapaima gigas Nummer Null-Vier. Ein Weibchen, zwei Meter zwölf lang, einhundertvierzehn Kilogramm schwer. Ein Tier, das laut dem offiziellen CITES-Ausfuhrprotokoll Ihrer eigenen Verwaltung am dreizehnten November des vergangenen Jahres in einem klimatisierten Spezial-Container über den Flughafen Frankfurt nach Saudi-Arabien geflogen wurde.“
Im Foyer hinter von Finck gab es eine scharfe, unruhige Bewegung.
Senator Wartenberg, der Finanzsenator, machte einen schnellen, absolut instinktiven Schritt nach hinten. Er ergriff den Ellenbogen seiner Frau, die ihr nachtblaues Samtkleid bereits leicht angehoben hatte, um es vor den feuchten Spritzern auf dem Boden zu schützen. Es war die klassische, unfehlbare Fluchtbewegung des Hamburger Polit-Adels: Sobald ein Skandal den Geruch von Justiz und unsauberen Subventionen annimmt, weichen die Hanseaten zurück, als habe jemand eine Senfgas-Granate im Raum gezündet.
„Helena“, sagte Albert von Finck. Er drehte den Kopf nur um wenige Millimeter in Richtung der kaufmännischen Direktorin. Seine Stimme war jetzt vollkommen tonlos, vollkommen entkernt. „Was hat das zu bedeuten?“
Dr. Helena Voss stand da, als habe man ihr einen eisernen Stab durch die Wirbelsäule getrieben. Ihr makelloses, vierundvierzigjähriges Management-Gesicht war vollkommen weiß; die feine, teure Grundierung auf ihren Wangen wirkte plötzlich wie eine rissige Kalkschicht auf einer verwitterten Fassade. Der dunkle, runde Salzwasser-Fleck auf dem Oberteil ihres smaragdgrünen Seidenkleides war mittlerweile bis auf die Größe einer Kaffeetasse herangewachsen.
„Das… das ist eine absurde, bösartige Inszenierung“, flüsterte sie. Ihre Unterlippe zitterte so heftig, dass sie die Zähne aufeinanderbeißen musste, um den Laut zu kontrollieren. Doch dann griff ihr Verstand – geschult in unzähligen Krisen-PR-Seminaren in Frankfurt und London – nach dem einzigen Strohhalm, der ihr noch blieb: der totalen, asymmetrischen Schuldumkehr.
Sie riss den rechten Arm hoch und deutete mit zitterndem, lackiertem Zeigefinger direkt auf meine Brust.
„Dieser Mensch hat das getan!“, rief sie, und ihre Stimme überschlug sich in einem schrillen, hässlichen Falsett, das von den hohen Glaswänden widerhallte. „Okonjo! Er hat diesen Chip gestohlen! Er arbeitet im Keller, er hat den Schlüssel zu den alten Quarantäne-Protokollen! Er hat diesen Transponder heute Abend absichtlich in das Spülwasser geworfen, um das Haus zu erpressen! Er steht seit Monaten auf der Kippe, weil seine Abteilung die Zielvorgaben für die Energieeinsparung nicht erfüllt! Er wusste, dass wir heute Abend die Verlängerung der Betriebskonzession mit dem Senat besprechen! Das ist Sabotage! Das ist ein krimineller Racheakt eines unfähigen, gekränkten Arbeiters!“
Sie drehte sich blitzschnell zu dem breiten Sicherheitsmitarbeiter um, der noch immer unschlüssig neben mir stand.
„Kowalski!“, kreischte sie. „Haben Sie den Verstand verloren? Fassen Sie ihn an! Legen Sie ihm die Handschellen an! Sichern Sie seine Taschen! Er hat Firmeneigentum entwendet! Wenn er sich weigert, rufen Sie sofort den Werks-schutz der Reederei an!“
Peter Kowalski rührte sich nicht. Er stand da in seiner viel zu engen, schwarzen Uniform, die Nähte an seinen Schultern zum Zerreißen gespannt. Sein schweres, rotes Gesicht, das noch die Spuren von dreißig Jahren Schweißer-Arbeit im Dock Zehn der Blohm+Voss-Werft trug, war von einer tiefen, gequälten Scham gezeichnet. Er blickte auf die Scherben. Er blickte auf das smaragdgrüne Kleid von Frau Voss. Und dann blickte er auf meine linke Wange, über der sich die rote, heiße Schwellung ihres Schlages mittlerweile deutlich abzeichnete.
„Frau Doktor Voss“, brummte Kowalski. Seine Stimme war rau, belegt vom ewigen Filterkaffee aus der Teeküche im Keller. „Die Handschellen… die darf ich nur bei unmittelbarer Fluchtgefahr anlegen. Das steht in der Dienstanweisung, die Sie mir selbst im Januar unterschrieben haben. Und David… David flieht nicht. Wo soll er denn hin? Sein Auto steht unten auf Deck Drei, und seine Frau Martha wartet mit dem Abendessen.“
„Er ist ein Dieb!“, schrie sie. Sie machte einen halben Schritt auf Kowalski zu, als wolle sie ihm persönlich den Schlagstock aus dem Koppel reißen.
Ich atmete langsam aus. Der metallische Geschmack von Blut an meiner Unterlippe war verschwunden, aber mein Jochbein pochte im Takt meines Pulses. Ich sah Helena Voss an. Ich sah diese Frau, die vor zwei Jahren in unseren Keller gekommen war, in ihren glänzenden, spitzen Lederschuhen, die Nase gerümpft über den Geruch von Schmierfett und Ozon, und die mir am ersten Tag erklärt hatte, dass ein technischer Leiter, der keine Excel-Pivot-Tabellen programmieren kann, ein „historisches Auslaufmodell“ sei.
Ich dachte an meinen Vater. Mein Vater war 1974 aus Nigeria nach Hamburg gekommen. Er hatte zweiunddreißig Jahre lang im Kühlhaus der Nordsee-Fischereinachschub GmbH am Altonaer Fischmarkt gestanden, bei minus achtzehn Grad, Kiste für Kiste, bis seine Kniegelenke so kaputt waren, dass er die Treppen zu unserer Wohnung in der Chemnitzstraße nur noch rückwärts hinabsteigen konnte. Er hatte mir einen einzigen Satz hinterlassen, als er 2004 im Hafenkrankenhaus starb: „David, lass dir von den feinen Leuten niemals einreden, dass du dumm bist, nur weil deine Hände schmutzig sind. Wer die Rohre kennt, kennt die Wahrheit.“
Ich hob den Kopf. Meine Brille saß schief auf der Nase, aber ich schob sie nicht zurecht.
„Peter“, sagte ich. Meine Stimme war vollkommen ruhig, aber sie besaß die schwere, unerschütterliche Resonanz der zwei Meter großen Resonanzkammer meines Körpers. „Du hast den Schlüssel-Bund für den Westflügel an der Koppel. Den mit der gelben Plakette.“
Kowalski zuckte zusammen. Er blickte mich aus seinen kleinen, wässrigen Augen an. „David… mach keinen Scheiß. Die feuern uns beide. Meine Tochter fängt im Oktober das Studium in Lüneburg an, ich brauche die Kohle…“
„Du weißt, wonach es in Schacht Sieben riecht, Peter“, sagte ich. Ich sprach nicht zu den Senatoren. Ich sprach ausschließlich mit diesem neunundfünfzigjährigen Mann aus Wilhelmsburg, mit dem ich jeden Morgen um sieben Uhr die Mängelberichte der Nachtschicht durchging. „Du hast den Geruch im Oktober auch gerochen. Als wir die Hauptlüftung im Zwischengeschoss auf Stufe Drei stellen mussten, weil im Damen-WC im Foyer ein beißender Dunst aus den Bodenabläufen kam. Du hast mich damals gefragt, ob die Reinigungsfirma die Salzsäure mit dem Chlor-Reiniger verwechselt hat. Erinnerst du dich?“
Kowalski schluckte. Sein Kehlkopf bewegte sich hart auf und ab. Er sah zu Helena Voss herüber, die ihn mit aufgerissenen, drohenden Augen fixierte. Dann blickte er hinüber in das Foyer, wo Albert von Finck bereits sein Smartphone aus der Innentasche seines Smokings gezogen hatte und mit starrem Blick eine Nummer eintippte.
Es war der Moment, in dem sich die unsichtbare, aber unzerstörbare Klassensolidarität des Hamburger Hafens gegen die Glasfassade der Hafencity stellte.
Kowalski griff langsam an seine Koppel. Er löste den schweren, mit zwanzig dicken Messingschlüsseln bestückten Ring vom Karabiner. Er überreichte ihn mir nicht direkt – das wäre vor den Augen der Vorstandsmitglieder das Ende seiner fristgerechten Kündigungsfrist gewesen. Stattdessen tat er etwas, das so ungeschickt, so offenkundig hanseatisch-stur war, dass Professor Thomsen hinter mir ein leises, trockenes Schnauben hören ließ.
Kowalski ließ den Schlüsselbund einfach fallen.
Das schwere Metall schlug mit einem scharfen, klirrenden Kla-tschank auf die grauen Solnhofener Fliesen direkt neben meiner rechten Arbeitsstiefel-Spitze.
„Verdammt“, brummte Kowalski, während er sich mit der flachen Hand demonstrativ das Kreuz hielt und das Gesicht schmerzverzerrt zur Decke richtete. „Mein Ischias… Herrgott nochmal, das zieht mir heute Abend bis in die Kniekehle. Ich komm da nicht mehr runter, Frau Voss. Da muss der Techniker selber bücken. Das schaffe ich von der Berufsgenossenschaft her nicht.“
„Sie sind entlassen!“, kreischte Helena Voss. Sie trat nach dem Schlüsselbund, aber ihr spitzer, mit grünem Satin bezogener Pfennig-Absatz rutschte auf einer nassen Duran-Glasscherbe ab. Sie verlor für den Bruchteil einer Sekunde das Gleichgewicht, ruderte wild mit den Armen und konnte sich nur halten, indem sie sich mit der flachen Hand gegen die hölzerne Sockelleiste der Glaswand stemmte. Ein langes, hässliches Schürfgeräusch riss den zarten Stoff ihres Ärmels auf.
„Kommen Sie, Okonjo“, sagte Professor Thomsen. Er hatte sich bereits gebückt, den Schlüsselbund mit einem schnellen, fließenden Griff vom Boden gefischt und mir die kühle Messing-Plakette in die schmutzige Hand gedrückt. „Gehen wir nach unten. Bevor die Dame auf die Idee kommt, die digitalen Füllstands-Protokolle des Zentralservers über ihr Telefon zu überschreiben.“
Er drehte sich nicht noch einmal um. Er marschierte mit großen, leicht schlaksigen Schritten auf die schwere, graue Brandschutztür am Ende des Verbindungsganges zu.
Ich folgte ihm. Als ich die Klinke der schweren Schörghuber-Stahltür herunterdrückte, blickte ich ein einziges Mal über meine Schulter zurück.
Das Bild war von einergeradezu biblischen Zerstörung. Im Hintergrund, im warmen, goldenen Licht des Foyers, stand Senator Wartenberg und wehrte mit erhobenen Händen die Fragen eines Lokal-Redakteurs des Hamburger Abendblatts ab, der sich irgendwie über die Gästeliste ins Foyer geschmuggelt hatte. Albert von Finck stand vollkommen isoliert an einer Acrylglas-Säule und sprach mit vorgehaltenem Handrücken in sein Telefon. Und genau auf der Grenze zwischen dem Fest und dem kalten Gang kniete Helena Voss auf dem Boden, die Hände in den feuchten Scherben meiner Schott-Flasche, und versuchte mit fahrigen, zitternden Fingern, den nassen, dunklen Fleck auf ihrer smaragdgrünen Seide mit einem Papiertaschentuch trocken zu reiben, das sich unter ihren Fingern bereits in graue, schmutzige Flocken auflöste.
Dann fiel die schwere Brandschutztür mit einem satten, pneumatischen Zisch-Klock ins Schloss, und die Glitzerwelt der Millionäre war verschwunden.
Der Weg in den Bauch des Palais der Meere führt über eine enge, gewendelte Betontreppe zwölf Meter in die Tiefe. Mit jedem Schritt, den Professor Thomsen und ich hinabstiegen, veränderte sich die Physik des Raumes. Die warme, nach teurem Parfüm und gebratenem Steinbutt riechende Luft des Foyers wich der schweren, eiskalten Feuchtigkeit des Fundaments. Das Geräusch unserer Schritte verlor das spitze Echo der Glaswände und wurde von dem tiefen, mahlenden Fünfzig-Hertz-Brummen der Haupt-Transformatoren verschluckt.
Unten, auf der Ebene Minus Zwei, herrscht das Reich der Titan-Pumpen.
Es ist kein dunkler Keller. Es ist eine hochmoderne, taghell mit staubdichten LED-Wannen ausgeleuchtete Industrie-Kathedrale. Kilometerlange, armdicke PVC-Rohre ziehen sich in sauberen, rechten Winkeln an den grauen Betonwänden entlang. Jedes Rohr trägt eine farbige Banderole mit der exakten Fließrichtung und der chemischen Spezifikation: Reinwasser-Zulauf (Blau), Ozon-Reaktor-Kreislauf (Violett), Roh-Abwasser-Ablauf (Grau). In der Mitte der dreihundert Meter langen Halle stehen die sechs Haupt-Eiweißabschäumer – gigantische, fünf Meter hohe Acrylglas-Zylinder, in denen ein ohrenbetäubend lärmendes, milchig weißes Schaum-Gemisch kocht, das die organischen Ausscheidungen der zweitausend Fische über feine Mikroluftblasen an die Oberfläche reißt und dort in dicke, schwarze Sammelrohre drückt.
Professor Thomsen blieb mitten im Mittelgang stehen. Er legte den Kopf in den Nacken und betrachtete das Gewirr aus Rohren und digitalen Druck-Sensoren mit jener stillen, ehrfürchtigen Sachkenntnis, mit der ein alter Dom-Baumeister das Strebewerk einer gotischen Kirche betrachtet.
„Gute Pumpen, Okonjo“, brummte er und klopfte mit dem Knöchel gegen das massive, blau lackierte Gusseisen-Gehäuse einer KSB-Blockpumpe aus Frankenthal, die mit dreitausend Umdrehungen pro Minute das Wasser für das Haifisch-Becken umwälzte. „Das sind deutsche Wellendichtungen. Wer diese Maschinen drosselt, um auf der Quartalsabrechnung dreihundert Kilowattstunden Strom zu sparen, begeht ein Verbrechen an der Mechanik. Das habe ich den Betriebswirten in Kiel schon vor dreißig Jahren gesagt: Eine Pumpe ist wie ein Herz. Wenn man ihr den Querschnitt verengt, kriegt das System einen Infarkt.“
„Frau Voss hat im März die Wartungsverträge mit KSB gekündigt“, sagte ich, während ich meine nassen, schweren Arbeitshosen-Beine hochkrempelte. „Wir machen die Dichtungs-Wechsel jetzt selbst. Mit billigen O-Ringen aus einem Großhandel in Billbrook. Die Dinger werden nach vier Wochen im Ozon-Wasser porös wie altes Brot.“
Ich führte ihn an den riesigen Filter-Bänken vorbei bis ans äußerste, dunkle Ende des Westflügels. Sektor Sieben.
Hier brannte kein helles Licht. Die Decken-Wannen waren abgeschaltet; nur das fahle, grüne Glimmen der Notausgang-Schilder spiegelte sich in den feuchten Pfützen auf dem Epoxidharz-Boden. Vor uns lag die schwere, doppelwandige Stahltür zum Fundament-Schacht unter dem ehemaligen Quarantäne-Becken. Auf dem grauen Metall prangte ein großes, gelbes Dreiecks-Schild: VORSICHT! Biologischer Sperrbereich / Betreten nur mit Schutz-ausrüstung der Klasse B.
Ich suchte an Kowalskis Bund nach dem dicken, viereckigen Messingschlüssel. Mein Daumen zitterte leicht, als ich ihn in das fettige Schloss schob. Mit einem schweren, trockenen Kla-tschank glitt der Riegel zurück. Ich legte mein gesamtes Gewicht gegen die Klinke und drückte die schwere, mit dicken Gummi-Lippen abgedichtete Tür nach innen.
Der Dunst, der uns aus dem dunklen Schacht entgegenhieb, war von einergeradezu physischen Brutalität.
Es war nicht der Geruch von totem Fisch. Toter Fisch riecht nach Ammoniak, nach Verfall, nach etwas, das einmal gelebt hat. Das hier roch nach einer chemischen Fabrik, die man in Brand gesteckt hatte. Es war ein scharfer, stechender Essig-Dunst, gemischt mit der bitteren, kühlen Schärfe von unverdünntem Formalin und jenem schweren, metallischen Beigeschmack von Kupfersulfat, der einem augenblicklich das Wasser in die Augen treibt und die Schleimhäute im Rachen wie mit feinem Sandpapier aus-trocknet.
Professor Thomsen riss sein rot kariertes Taschentuch hoch und presste es sich mit beiden Händen fest über Mund und Nase. Er ließ ein dumpfes, würgendes Keuchen hören.
„Licht, Okonjo!“, erstickte er durch den Stoff. „Machen Sie das Licht an!“
Ich griff links neben dem Türrahmen nach dem klobigen, roten Drehschalter des Baustrahlers, den ich vor einer Stunde hier unten aufgestellt hatte.
Der harte, sechzigtausend Lumen starke Strahl der Halogen-Röhre schnitt durch die Dunkelheit und warf ein eiskaltes, grelles Licht auf die Szenerie.
Wir standen am Boden eines vier Meter tiefen, vollkommen leeren Betonschachtes. Über uns hing die gewölbte, graue Unterseite des Quarantäne-Beckens Sieben. Es war leer; man sah die dicken, trockenen Einlass-Düsen aus Titan. Aber der Boden des Schachtes – ein Gefälle aus glattem, säurefestem Beton – endete in der Mitte in einem zwei mal zwei Meter großen, mit einem schweren, feuerverzinkten Gitterrost abgedeckten Sammel-Schacht: dem Pumpensumpf.
Und dieser Sumpf war voll.
Durch die quadratischen Maschen des Gitterrostes schimmerte eine dicke, träge, dunkelviolette Flüssigkeit. Auf ihrer Oberfläche schwammen keine toten Fische. Auf ihrer Oberfläche schwamm eine geschlossene, zähe Schicht aus grau-weißem Schaum, der aussah wie geschmolzenes Kerzenwachs.
Professor Thomsen kniete sich am Rand des Gitterrostes herab. Er ignorierte die Feuchtigkeit, die sofort durch den Flanell seiner Hose zog. Er holte sein digitales Einstich-Thermometer aus der Tasche, klappte den langen, spitzen Edelstahl-Fühler aus und schob ihn durch eine Masche direkt in die violette Brühe.
Das kleine LCD-Display auf dem Gehäuse flimmerte. 14,2 … 18,7 … 21,4 °C.
„Einundzwanzig Komma vier Grad“, flüsterte Thomsen durch sein Taschentuch. Er sah zu mir hoch. Seine alten Augen hinter den dicken Brillengläsern waren vollkommen weit, vollkommen fassungslos. „Das städtische Abwassernetz in Hamburg hat im November zehn Grad, Okonjo. Die Elbe hat sechs. Warum ist dieses Sickerwasser handwarm?“
„Wegen der Heizpatrone“, sagte ich. Ich trat zwei Schritte an das dicke, graue Haupt-Ablaufrohr heran, das aus dem Boden des Schachtes senkrecht nach oben führte und hinter dem großen Wärmetauscher der Haupt-Heizung im Mauerwerk verschwand. Ich deutete auf einen massiven, rot lackierten Gusseisen-Kugelhahn, der quer in die Leitung geflanscht war. „Das ist der Bypass ins städtische Siel-Netz unter der Speicherstadt. Den hat eine externe Rohrleitungsfirma aus Neumünster im Januar eingebaut. Auf direkte, handschriftliche Anweisung von Frau Voss. Und direkt dahinter sitzt eine elektrische Durchlauf-Heizung mit zwölf Kilowatt Leistung. Die läuft auf Dauerstrom.“
Professor Thomsen zog den Temperatur-Fühler aus der Brühe, wischte ihn am Beton ab und steckte das Gerät langsam zurück in die Tasche. Er richtete sich auf. Sein Gesicht war jetzt nicht mehr aschfahl; es war von einer kalten, unerbittlichen Zornes-Röte überzogen.
„Wissen Sie, was passiert, wenn man dreitausend Liter hochkonzentrierte Formaldehyd-Lösung in ein eiskaltes Hamburger Abwasser-Siel leitet, Okonjo?“, fragte er. Seine Stimme vibrierte. „Das Formalin fällt durch den Kälte-Schock augenblicklich als Paraformaldehyd aus. Es wird flockig. Es bildet riesige, zähe, weiße Klumpen, die so hart werden wie Gips. Diese Klumpen treiben durch das Siel bis zum Haupt-Pumpwerk an der Hafenstraße und verstopfen dort die automatischen Rechen-Anlagen der Hamburger Wasserwerke. Die Techniker der Stadt hätten die Verstopfung am nächsten Morgen bemerkt, die Klumpen ins Labor geschickt, die chemische Signatur ausgelesen und die Spur binnen vierundzwanzig Stunden exakt bis zu diesem Rohr zurückverfolgt.“
Er trat an den roten Kugelhahn heran und legte die Hand auf das kühle Metall.
„Um diese Kadaver-Brühe unbemerkt und spurlos in das städtische Abwassernetz der Freien und Hansestadt Hamburg zu entsorgen“, sagte Thomsen, „muss man sie auf exakt einundzwanzig Grad vorheizen. Nur dann bleibt das Paraformaldehyd flüssig. Nur dann vermischt es sich unsichtbar mit dem Grauwasser der Hafencity-Toiletten und treibt durch das Klärwerk Köhlbrandhöft direkt in die Nordsee.“
Er blickte auf das schwere, massive Vorhängeschloss aus Messing, das durch die Sperr-Bohrung des roten Handhebels gezogen war. Ein Schloss der Marke Abus, Schutzklasse Neun, vollkommen kratzerfrei.
„Wer hat den Schlüssel zu diesem Schloss, Okonjo?“, fragte er.
Ich griff an meinen Bund. „Ich nicht. Das ist eine Schließung der Sicherheitsstufe Vier. Die gibt es laut dem General-Schließplan der Hausverwaltung nur zweimal im gesamten Palais. Einmal im Tresor der kaufmännischen Leitung…“
„…und das zweite Mal?“, hakte Thomsen nach.
„Im Handschuhfach des privaten Werkstatt-Wagens von Dr. Krüger“, sagte ich. „Unserem Vertrags-Tierarzt.“
Wir liefen zurück in die Leitwarte – den schallisolierten Glaskubus mitten im Maschinenraum, in dem mein Schreibtisch stand.
Ich schloss die Tür hinter uns und verriegelte den mechanischen Dreh-knauf. Hier drinnen war es still; das Summen der Pumpen war nur noch ein sanftes, fernes Vibrieren in den Fußsohlen. Auf meinem Schreibtisch stand die alte Melitta-Kaffeemaschine, deren Glaskanne seit vierzehn Uhr denselben bitteren, schwarzen Bodensatz wärmte.
Ich ging zu meinem grauen Stahl-Spind, schloss das Vorhängeschloss auf und zog den dicken, grünen Leitz-Ordner mit der Aufschrift Anlagen-Buch B-07 (Quarantäne / Sonder-Bestand) heraus. Ich knallte ihn auf die Resopal-Platte des Schreibtisches und schaltete die grelle Neon-Schreibtischlampe ein.
„Schauen Sie sich das an, Herr Professor“, sagte ich und schlug die Register-Karten für den Monat November auf.
Es war der Moment, in dem ein winziges, völlig nebensächliches Detail aus der Vergangenheit plötzlich die Wucht einer Abrissbirne annahm.
Ich deutete auf einen handschriftlichen Eintrag vom vierzehnten November – exakt einen Tag, nachdem die sechsunddreißig riesigen Amazonas-Fische angeblich auf den LKW nach Frankfurt verladen worden waren. Es war meine eigene, saubere Blockschrift:
14.11. / 06:30 Uhr: Außerordentlicher Druckabfall an Haupt-Umwälzpumpe Vier (Becken 7). Ansaug-Glocke blockiert. Manuelle Spülung ergab große Mengen faserigen, weißen Fremd-materials im Vorfilter. Geruch stark essigsauer.
„Ich habe damals eine Handvoll von diesem weißen, zähen Zeug aus dem Vorfilter geholt“, flüsterte ich. Meine eigenen Finger fühlten sich plötzlich eiskalt an. „Ich dachte, die Trockenbauer hätten beim Verputzen der Decke im Obergeschoss leere Säcke und Dämmwolle in den Überlauf geworfen. Ich habe das Zeug in einen Plastikbeutel gesteckt und bin damit hoch in das Büro von Frau Voss gegangen. Sie hat sich das Zeug nicht einmal aus der Nähe angesehen. Sie hat ihre Sekretärin gerufen, mir aus der Bar-Kasse dreihundert Euro ‚Sonderprämie für erschwerte Filter-Reinigung‘ auf die Handnote auszahlen lassen und gesagt, ich solle den gesamten Schacht sofort mit hochprozentiger Peressigsäure durchspülen und den Vorfall aus dem digitalen Schicht-Protokoll des Servers löschen.“
Professor Thomsen beugte sich über die Seite. Seine Nasenspitze berührte fast das Papier. Er betrachtete die scharfe, eckige Paraphe von Helena Voss, die unter meinem Eintrag prangte.
Doch dann glitt sein Blick auf einen kleinen, verblichenen, gelben Post-it-Zettel, der auf der Innenseite des Ordner-Deckels klebte. Es war ein Zettel, den mein Kollege Kowalski mir damals im November hinterlassen hatte und den ich vollkommen vergessen hatte.
Kowalskis krakelige Schweißer-Schrift lautete:
David, die Fahrer von der Saudi-Spedition hatten gestern Nacht gar keine Sauerstoff-Flaschen für die Transport-Tanks auf dem LKW. Die hatten nur leere Gitterboxen dabei. Gruß P.
„Sie haben die Tiere nie verladen“, sagte Thomsen. Seine Stimme klang jetzt wie das Knirschen von Kies unter schweren Stiefeln. „Ein Arapaima gigas ist ein obligatorischer Luftatmer, Okonjo. Er besitzt eine modifizierte Schwimmblase, die wie eine Lunge funktioniert. Er muss alle zehn bis fünfzehn Minuten an die Wasseroberfläche kommen, um atmosphärische Luft zu schlucken. Wenn man sechsunddreißig dieser zwei Meter langen Giganten in geschlossene, vollkommen mit Wasser gefüllte Transport-Tanks sperrt und keine reinen Sauerstoff-Lanzen zuschaltet, ersticken die Tiere qualvoll binnen neunzig Minuten. Sie wurden nicht nach Frankfurt gefahren. Sie wurden hier unten im Fundament getötet.“
„Aber warum?“, fragte ich. „Die Tiere waren gesund. Sie hatten keinen Befall. Wir haben sie drei Jahre lang mit speziellem Stör-Futter aus Cuxhaven hochgepäppelt. Das Stück hatte einen Bilanzwert von achttausend Euro.“
Thomsen blätterte mit zitterndem Daumen ganz nach hinten, in den Anhang des Ordners. Hier steckten die Durchschläge der kaufmännischen Versicherungs-Policen.
Er zog ein schweres, mit dem blauen Adler-Logo der Allianz Global Corporate & Specialty bedrucktes Dokument aus der Klarsichtfolie.
„Deshalb, Okonjo“, flüsterte er und drückte seinen Daumen so hart auf das Papier, dass das Nappaleder seines Etuis knirschte. „Schauen Sie auf die Police Nummer Sieben-Sieben-Vier. Ausfallversicherung für hochgradig gefährdete Zucht-Exemplare bei behördlich angeordneter Notschlachtung wegen Seuchengefahr.“
Ich las die Zahlenreihe im Kleingedruckten. „Zehntausend Euro pro Tier.“
„Nein“, sagte Thomsen. „Lesen Sie den Zusatz-Paragrafen Drei unten rechts. Bei Nachweis einer genetischen Kontamination oder eines unheilbaren, hochgradig ansteckenden Erregers im geschlossenen System zahlt der Versicherer nicht nur den Tierwert. Er zahlt die vollständige Sanierung des befallenen Sektors inklusive des entgangenen Forschungszuschusses der Europäischen Union. Das sind exakt 1,4 Millionen Euro. Steuerfrei. Ausgezahlt als ‚Erhaltungs-Subvention‘ direkt auf das Festgeldkonto der Palais der Meere AG. Und wissen Sie, wer das pathologische Gutachten für die Allianz unterschrieben hat, das den angeblichen Seuchenbefall der Tiere belegt?“
Er drehte das Blatt um.
Auf der Rückseite prangte der violette Rundstempel der Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis Dr. Krüger & Partner, Hamburg-Rotherbaum.
In genau diesem Moment herrschte in der Leitwarte ein Geräusch, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Es war nicht die Alarmanlage. Es war das scharfe, elektronische Klick-Surr der digitalen Siedle-Sprechanlage an der Wand neben der Tür. Das kleine, rote Kontroll-Lämpchen der Video-Kamera flammte auf.
Und dann schallte die Stimme von Dr. Helena Voss aus dem kleinen Plastik-Lautsprecher. Sie klang nicht mehr herrisch. Sie klang blechern, verzerrt, von einem pfeifenden, hysterischen Atemzug unterbrochen.
„Okonjo!“, schrie sie durch den Draht. „Hier spricht die Geschäftsleitung! Wenn Sie dieses Büro verlassen, lasse ich die schweren Brandschutz-Schotten der Ebene Minus Zwei herabfahren! Sie sitzen in der Falle! Hören Sie mich? Sie kommen da nicht mehr raus!“
Das Geräusch von schweren, schnellen Schritten hallte durch den langen Betonkorridor außerhalb unseres Glaskubus.
Es war nicht Kowalski. Es war Helena Voss selbst, begleitet von einem Mann, den ich hier unten im Maschinenraum noch nie gesehen hatte: Dr. Martin Krüger. Der zweiundvierzigjährige Vertrags-Tierarzt trug einen feinen, hellgrauen Sommer-Smoking, dessen Fliege er bereits gelöst und herabhängen lassen hatte. Über dem Smoking trug er einen vollkommen verknitterten, weißen Arztkittel, den er sich offenkundig auf der Flucht aus dem Foyer im Zwischengeschoss über die Schultern geworfen hatte. Sein Gesicht war glänzend vor Schweiß; seine Augen flackerten wild und unkontrolliert durch den Maschinenraum.
Helena Voss schlug mit der flachen, beringten Hand so hart gegen die doppelwandige Scheibe der Leitwarte, dass das dicke Glas in seinem Aluminium-Rahmen erzitterte.
„Machen Sie auf!“, schrie sie. Ihr smaragdgrünes Kleid war im vorderen Bereich vollkommen mit den weißen, trockenen Salzkristallen des zerschmetterten Duran-Glases überzogen; die Seide hing in Fetzen an ihrem rechten Handgelenk herunter. Die glatte, kühle Frankfurter Managerin war vollkommen weggewischt. Vor uns stand eine in die Enge getriebene Kriminelle, der man das Fundament ihrer Existenz unter den Füßen weggesprengt hatte. „Geben Sie mir dieses Protokollbuch! Sofort! Sie begehen schweren Diebstahl von Betriebsgeheimnissen! Ich habe die Polizei-Wache Eins verständigt! Die Streifenwagen stehen bereits auf der Ericusbrücke!“
Ich rührte mich nicht von meinem Schreibtisch. Ich blickte sie durch das Glas an, zwei Meter groß, in meinem nassen, nach Ozon riechenden Polohemd.
„Die Wache Eins sitzt am Hauptbahnhof, Frau Voss“, sagte ich, und ich drückte den Knopf der Gegensprechanlage auf meinem Tisch hinunter, sodass meine Stimme laut und dröhnend über die Decken-Lautsprecher der Maschinen-Halle übertragen wurde. „Die brauchen am Freitagabend durch den Freihafen-Verkehr mindestens zweiundzwanzig Minuten. Und bis die hier sind, erkläre ich Professor Thomsen gerade, warum Dr. Krüger im November sechsunddreißig Totenscheine für Arapaimas unterschrieben hat, während dieselben Tiere laut Ihrer Steuererklärung zeitgleich in einem Frachtflugzeug der Emirates saßen.“
Dr. Krüger zuckte zusammen, als habe ihn ein Peitschenhieb getroffen. Er presste beide Hände gegen das Glas der Leitwarte.
„Christian…“, stammelte er durch den Spalt der Tür-Dichtung, den Blick fest auf Professor Thomsen gerichtet. „Christian… bitte. Sie müssen die systemischen Zwänge verstehen. Die Universität Hamburg hatte uns im September die Drittmittel für das marine Seepferdchen-Labor gestrichen… Wir standen vor der Insolvenz! Die Finck-Stiftung hätte den Deckungsbeitrag für das vierte Quartal nicht freigegeben! Wir brauchten die Seuchen-Summe der Allianz, um die Gehälter der Tierpfleger über den Winter zu bezahlen! Es war eine rein administrative Umwidmung von unvermeidlichem biologischem Schwund!“
„Eine Umwidmung?“, fragte Professor Thomsen.
Er trat hinter meinem Schreibtisch hervor. Er hielt den grünen Leitz-Ordner in der linken Hand. Als er ihn anhob, verschoben sich die schweren Metall-Ringe im Inneren mit einem trockenen Knacken, und ein einziges, zusammengefaltetes Blatt aus dickem, bläulichem Bankpost-Papier rutschte aus der hintersten Plastik-Lasche des Deckels. Es schwebte durch die Luft und landete flach auf der grauen Resopal-Platte direkt neben der Melitta-Kaffeekanne.
Thomsen griff danach. Er faltete es auseinander.
Es trug keinen Stempel der Allianz. Es trug den großen, runden, mit dem Bundesadler versehenen Zoll-Stempel des Hauptzollamts Hamburg-Hafen, Abfertigungsstelle Waltershof.
Thomsen las die Kopfzeile vor. Seine Stimme war jetzt so kalt, so unendlich weit weg von jeder menschlichen Regung, dass selbst das Summen der Transformatoren zu frieren schien.
„Lade-Deklaration. Empfänger: Palais der Meere AG, Sektor Sieben. Absender: Von Finck Marine Research GmbH, Werk Brunsbüttel. Frachtgut: Zwei Stahl-Fässer à zweihundert Liter Tributylzinn-Oxid in hochgradig konzentrierter Lösung.“
Mein Herz setzte für einen Schlag vollkommen aus. Tributylzinn. TBT. Das absolut tödlichste, seit 2003 weltweit durch die Internationale Schifffahrts-Organisation geächtete Unterwasser-Gift der maritimen Geschichte. Ein einziges Milligramm dieses Stoffs pro Liter Wasser zerstört den Hormonhaushalt von Meeresschnecken; ein Teelöffel davon im Hamburger Hafenbecken tötet sämtliche Muschel- und Herings-Kulturen auf drei Kilometern Länge.
Professor Thomsen blickte Helena Voss durch das Glas in ihre aufgerissenen Augen.
„Sie haben hier kein Aquarium betrieben, Helena“, sagte er leise. „Sie haben das Palais der Meere als steuerfinanzierte, hochgradig kriminelle Test-Station für die illegalen, extrem langlebigen Schiffs-Rumpf-Lacke der Finck-Reedereien missbraucht. Die Arapaimas sind nicht an einer Seuche gestorben. Sie sind elendig an einer schleichenden Schwermetall-Vergiftung verreckt, weil Sie ihnen das TBT über Monate hinweg direkt in die Filter-Kreisläufe von Becken Sieben gemischt haben, um im Auftrag von Albert von Finck zu testen, wie lange das Immunsystem eines marinen Groß-Organismus das Gift aushält, bevor die Leber des Tiers vollkommen zerreißt. Und als die Tiere tot waren, haben Sie die Kadaver mit Formalin übergossen und im Pumpensumpf des Kellers versteckt, damit die Säure die Beweise über den Winter zersetzt.“
Helena Voss stand da. Ihr smaragdgrünes Seidenkleid hing an ihr herab wie die schmutzige Haut einer gehäuteten Schlange. Drei Sekunden lang rührte sie sich nicht. Man hörte nur das pfeifende, rasselnde Atmen von Dr. Krüger neben ihr.
Doch dann geschah etwas, das mir das Blut in den Schläfen zusammen-trieb.
Die nackte, zitternde Panik auf dem Gesicht von Helena Voss verschwand. Sie verschwand vollkommen, spurlos, wie weggewischte Kreide auf einer Schiefertafel. Ihre Schultern senkten sich. Ihre Brust wurde ruhig. Und ein langsames, absolut eiskaltes, absolut mörderisches Lächeln zog ihre rissigen, ungeschminkten Lippen nach oben.
„Sie armer, rührseliger alter Professor“, flüsterte sie durch den Spalt der Glaswand, während ihre rechte Hand langsam in die tiefe Seitentasche ihres seidenen Abendmantels glitt. „Glauben Sie im Ernst, Albert von Finck investiert fünfunddreißig Millionen Euro privates Stiftungskapital in einen öffentlichen Glaskasten an der Elbe, damit Hamburger Rentner und ihre Enkelkinder sich bunte Clownsfische anschauen können? Das hier ist eine Industrie-Anlage, Christian. Und in einer Industrie-Anlage der Finck-Gruppe gibt es keine Zeugen, die am Montagmorgen vor einem Untersuchungsausschuss des Senats aussagen.“
Sie zog die Hand aus der Tasche.
In ihrer Handfläche lag kein Telefon. In ihrer Handfläche lag ein klobiges, gelbes Industrie-Handbedienteil der Marke Euchner, das über ein dickes, spiralförmiges schwarzes Datenkabel direkt in die Not-Schnittstelle des Haupt-Schaltschranks im Flur eingesteckt war. Es war die manuelle Havarie-Steuerung der Ebene Minus Zwei.
Sie fixierte mich mit ihren weit aufgerissenen, glänzenden Augen, in denen der reine, absolute Wahnsinn der totalen Kontrolle brannte.
„Schauen Sie auf Ihren System-Monitor Drei, Okonjo“, flüsterte sie und presste ihren beringten, lackierten Daumen mit voller Wucht auf den großen, rot leuchtenden Override-Taster des Geräts. „Schauen Sie ganz genau hin.“
Mein Kopf riss herum. Mein Blick traf das digitale SCADA-Schaltbild an der Wand meiner Leitwarte.
Die grünen Linien, die das geschlossene Quarantäne-Becken Sieben vom Haupt-Kreislauf des Haifisch-Beckens trennten, begannen plötzlich mit einem harten, aggressiven Rhythmus rot zu blinken.
Mit einem ohrenbetäubenden, tiefen, mechanischen Kla-TSCHUNK, das die Betonplatte unter meinen Arbeitsstiefeln erzittern ließ, sprang der digitale Status des großen, motorisierten Haupt-Sperrschiebers von GESPERRT auf ein helles, animiertes GEOEFFNET.
Draußen im dunklen Schacht unter Becken Sieben heulte die vierhundert Kilowatt starke Titan-Havariepumpe mit einem schrillen, mörderischen Pfeifen auf.
„In exakt einhundertachtzig Sekunden“, sagte Helena Voss vollkommen ruhig, während sie einen Schritt zurück in den dunklen Flur trat und die doppelwandige Glastür der Leitwarte von außen mit einem schweren Vorhängeschloss verriegelte, „drückt Pumpe Vier die gesamten verbliebenen viertausend Liter der hochgiftigen TBT-Formalin-Lösung mit vierzehn Bar durch die Steigleitungen direkt in das zweieinhalb Millionen Liter fassende Haupt-Ozeanbecken im Foyer. Bis die Streifenwagen der Hamburger Polizei die Ericusbrücke passiert haben, treiben dreihundert Haie, Rochen und geschützte Meeresschildkröten mit verätzten, blutenden Kiemen vor den Glaswänden der feinen Gesellschaft an der Oberfläche. Und im unlöschbaren digitalen Haupt-Logbuch des Servers wird stehen, dass Sie, der Leitende Techniker David Okonjo, um 20:46 Uhr den manuellen Not-Spülbefehl am Terminal Ihrer Leitwarte autorisiert haben.“
KAPITEL 3
Das Klick-Surren der doppelwandigen Schörghuber-Glastür, als der massive Bolzen des Vorhängeschlosses von außen durch die herabgelassene Stahl-Lasche fuhr, besaß eine geradezu klinische Endgültigkeit. Es war kein lautes Geräusch. Aber in der totalen, schallisolierten Stille unserer Leitwarte klang es, als hätte jemand den Deckel eines Sarges zugeschlagen und die Schrauben festgezogen.
Draußen im dunklen Korridor des Untergeschosses sah ich das smaragdgrüne Seidenkleid von Dr. Helena Voss im fahlen Licht der Notausgang-Leuchte aufblitzen. Sie drehte sich nicht noch einmal um. Ihre spitzen Pfennig-Absätze klackten mit schnellen, harten Schlägen über den Epoxidharz-Boden in Richtung der Haupt-Brandschutzschotten, begleitet von dem weichen, schlurfenden Tritt des Tierarztes Dr. Krüger. Fünf Sekunden später fiel die schwere graue Stahltür am Ende des Ganges mit einem dumpfen, pneumatischen Zisch-Klock ins Schloss.
Wir waren allein.
Über meinem Schreibtisch, auf dem großen digitalen SCADA-Systemmonitor der Wand, pulsierte die rote Warn-Animation des Haupt-Sperrschiebers von Sektor Sieben. Die Zahlen des Havarie-Countdowns fielen mit der gnadenlosen, gleichmütigen Präzision eines Quarz-Kristalls: 174 … 173 … 172.
„Verdammt nochmal!“, brüllte Professor Thomsen.
Der einundsiebzigjährige Meeresbiologe verlor in diesem Sekundenbruchteil jede hanseatisch-akademische Zurückhaltung. Er riss den schweren, vierundzwanzig Millimeter messenden Gedore-Ringschlüssel aus Werkzeugstahl, der auf meiner Arbeitsplatte lag, an sich, holte mit beiden Armen aus und schlug mit der massiven Chrom-Vanadium-Kante voll gegen die doppelwandige Scheibe der Leitwarte.
Der Aufprall war ohrenbetäubend, aber das Resultat war absolut niederschmetternd. Das P4A-Sicherheitsglas, das die Hausverwaltung vor zwei Jahren extra hatte einbauen lassen, um die teuren Steuerungsserver vor Vandalismus zu schützen, splitterte nicht einmal. Es gab nur ein hohles, vibrierendes Klong von sich, das den schweren Stahlschlüssel mit solcher Wucht zurückfederte, dass Thomsen das Gleichgewicht verlor und mit der Schulter gegen meinen Spind krachte.
„Lassen Sie das, Herr Professor“, sagte ich. Meine Stimme klang belegt, aber sie war vollkommen ruhig. Ich blickte auf die zitternde Nadel des digitalen Manometers auf dem Bildschirm. „Das ist Verbundglas mit Polycarbonat-Kern. Da können Sie mit einem Vorschlaghammer gegen schlagen, das gibt erst nach zwanzig Minuten nach. Und wir haben noch einhundertfünfundsechzig Sekunden.“
Ich trat an das Terminal heran und hämmerte mit den Fingern auf die Industrie-Tastatur. Ich versuchte, den manuellen Abbruch-Befehl in die SIMATIC-Steuerung zu jagen: System-Override / Stop-Pump-04.
Auf dem Bildschirm erschien ein graues, eiskaltes Fenster: ZUGRIFF VERWEIGERT. Hardware-Verriegelung über Terminal Ebene -2 aktiv. Entsperrung nur über physischen Schlüssel-Schalter vor Ort möglich.
Helena Voss hatte das klobige Euchner-Handbedienteil draußen im Flur nicht einfach gedrückt. Sie hatte den roten Havarie-Taster mechanisch arretiert und den Abzugs-Schlüssel abgezogen. Solange dieses Gerät draußen an der Wand hing und Kontakt zur Hauptplatine hatte, nahm der Rechner in meiner Warte keinerlei Befehle mehr an. Er war blind und taub für alles, was im Raum passierte; er führte nur noch stur das aus, was ihm die Platine im Flur befahl.
„Okonjo!“, keuchte Thomsen. Er stand an der Glasscheibe, die Hände flach gegen das kühle Glas gepresst, das Gesicht vollkommen schweißüberströmt. „Sie müssen doch einen Notschalter haben! Einen Hauptschalter für den Keller! Wenn diese viertausend Liter Tributylzinn-Formalin-Lösung mit vierzehn Bar durch die Steigleitung ins Foyer schießen, haben wir oben ein Massensterben! Das TBT legt sich über die Kiemen der Haie wie flüssiger Zement! Die ersticken binnen vier Minuten vor den Augen der Kinder!“
„Ich weiß“, sagte ich.
Ich schloss für eine halbe Sekunde die Augen. Mein Vater hatte immer gesagt: Wenn die feinen Leute die Software abschließen, David, dann musst du dorthin gehen, wo sie sich die Finger schmutzig machen müssten. Geh ins Blech.
Ich riss die Augen auf und blickte nach unten auf meine nassen, salzigen Arbeitsstiefel.
Die Leitwarte des Palais der Meere war nicht direkt auf den Betonboden des Maschinenraums gemauert worden. Sie stand auf einem vierzig Zentimeter hohen, aufgestelzten doppelten Installationsboden aus verzinkten Stahlplatten, der mit grauen, antistatischen Heuga-Teppichfliesen beklebt war. Darunter verliefen die dicken, armstarken 400-Volt-Einspeisungskabel von den Transformatoren zu den Schaltschränken.
Ich ließ mich auf die Knie fallen. Meine Finger – hart von vierzig Jahren Handwerk – krallten sich in die Fuge der Teppichfliese direkt unter meinem Schreibtisch. Mit einem harten Ruck riss ich das quadratische Stück Filz vom Blech. Darunter lag die nackte, graue Stahlplatte des Doppelbodens, in deren Ecken vier dicke Inbusschrauben saßen.
„Ihren Schlüssel, Professor!“, rief ich, ohne hochzusehen. „Den Vierkant vom Einlassventil! Geben Sie ihn mir!“
Thomsen war sofort da. Er warf sich neben mir auf den Boden, die Nickelbrille schief auf der Nase, und drückte mir den massiven Messingschlüssel in die schmutzige Hand. Der Kopf des Schlüssels passte nicht exakt in die Sechskant-Bohrung der Bodenplatte, aber er war dick genug, um sich beim Verkanten in das weiche Zinkblech zu fressen.
Ich legte mein gesamtes Gewicht auf den Hebel. Mein linkes Jochbein, auf dem die Schwellung von Helena Voss’ Schlag mittlerweile die Größe einer Pflaume erreicht hatte, pochte mit einem heißen, reißenden Schmerz.
KRRR-KNACK.
Die erste Schraube riss aus dem Gewinde. Ich packte die Kante der Stahlplatte mit beiden Händen, stemmte die Unterarme gegen die Boden-Stützen und riss die sechzig mal sechzig Zentimeter große Blechtafel mit reiner, roher Muskelkraft aus ihrer Verankerung. Ich schleuderte sie hinter mich gegen den Spind.
Aus der dunklen, schmalen Öffnung schlug uns sofort die trockene, nach warmem Kupfer, altem Zinkstaub und erhitztem PVC riechende Luft des Unterbodens entgegen. Im Schein meiner Schreibtischlampe sah man das dichte, absolut mörderische Gewirr aus schwarzen, daumendicken NYY-Stromkabeln, die wie ein Nest aus erstarrten Schlangen auf dem Rohbeton lagen.
„Herrgott im Himmel“, flüsterte Thomsen und leuchtete mit seiner kleinen Juwelierlupe in den Schacht. „Okonjo … das sind ungeschirmte Starkstrom-Trassen. Wenn Sie da mit dem nassen Polohemd an eine beschädigte Isolierung kommen, brennt Ihnen der Lichtbogen das Herz durch.“
„Dann rufen Sie nicht den Notarzt, Professor“, brummte ich, während ich mir die Brille von der Nase riss und sie auf die Tischplatte legte. „Dann rufen Sie Kowalski, damit er mit dem CO2-Löscher den Rauch aus der Warte bläst.“
Ich schob zuerst die Beine in das dunkle Loch. Der Spalt zwischen den stählernen Stützfüßen des Doppelbodens betrug exakt achtunddreißig Zentimeter. Ich bin zwei Meter groß; meine Schultern haben die Breite eines Türrahmens. Als mein Oberkörper unter die Kante der Bodenplatte glitt, spürte ich, wie sich das kalte, scharfkantige Zinkblech durch das eiskalte, nasse Gewebe meines Arbeits-Polohemds direkt in die Haut meiner Schulterblätter grub.
Es war eine absolute, klaustrophobische Hölle. Mein Brustkorb wurde so eng zusammengepresst, dass ich nur noch flach und stoßweise durch den Mund atmen konnte. Über meinem Gesicht, keine drei Zentimeter von meiner Nase entfernt, verlief die schwere 400-Volt-Hauptschiene. Ich spürte das tiefe, mahlende Fünfzig-Hertz-Brummen des Stroms nicht nur in den Ohren; es vibrierte direkt in den Zahnwurzeln meines Oberkiefers.
„Weiter, Okonjo!“, schallte Thomsens gedämpfte Stimme von oben durch den Bodenschlitz. „Einhundertzehn Sekunden! Die Havarie-Pumpe zieht Strom! Ich sehe den Last-Ausschlag auf dem Monitor!“
Ich schob mich mit den Ellenbogen vorwärts. Zentimeter für Zentimeter. Der Rohbeton unter meinem Bauch war übersät mit scharfkantigen Mörtelresten und vergessenen Spax-Schrauben der Trockenbauer, die meine schwere Arbeitshose aufschritten. Mein Ziel war die Kabel-Auslass-Trasse auf der anderen Seite der gläsernen Trennwand – dort, wo die Leitungen aus dem Boden direkt in den Haupt-Schaltschrank des Maschinenraums stiegen.
Vier Meter. Es waren nur vier Meter unter dem Glas hindurch, aber jeder Zug meiner Schultern fühlte sich an, als würde ich durch einen zu engen Schornstein kriechen.
Da! Über mir sah ich das fahle, bläuliche Licht der Maschinenhallen-Beleuchtung durch die Gitter-Schlitze der äußeren Bodenplatte schimmern.
Ich ballte die rechte Faust, legte den Daumen an die Innenseite der Finger und schlug von unten mit den Knöcheln voll gegen das Zinkblech der Bodenplatte outside. Einmal. Zweimal. Beim dritten Schlag sprang die Platte aus den Raster-Nocken und kippte scheppernd zur Seite.
Ich riss die Arme hoch, packte die stählernen Ständer des Doppelbodens und zog meinen zwei Meter großen, schweiß- und dreckverschmierten Körper mit einem einzigen, brutalen Ruck aus dem Schacht ins Freie.
Mein Polohemd war an der linken Schulter von oben bis unten aufgerissen; eine lange, blutende Schürfwunde zog sich über mein Schlüsselbein, aber ich spürte den Schmerz nicht. Ich stand in der eiskalten, hell erleuchteten Maschinen-Halle.
Ich rannte zur Werkstatt-Wand, riss den neunzig Zentimeter langen, leuchtend rot lackierten Knipex-Bolzenschneider aus den Halteklammern des Werkzeug-Bords, marschierte auf die verriegelte Glastür der Leitwarte zu und setzte die gehärteten Schneidbacken direkt an den massiven Messing-Bügel des Abus-Schlosses.
KNACK.
Das dicke Messing flog im Bogen durch den Flur und schlug scheppernd gegen ein graues Abwasserrohr. Ich riss die Schörghuber-Tür auf.
Professor Thomsen stolperte heraus. Er hatte sein rot kariertes Taschentuch fest vor den Mund gepresst; seine Knie zitterten so stark, dass er sich an meinem Arm festhalten musste.
„Zweiundachtzig Sekunden!“, keuchte er und deutete mit zitterndem Finger den langen Korridor hinunter in Richtung des dunklen Sektors Sieben. „Die Pumpe läuft an! Ich höre die Kavitation der Vor-Füllung!“
Das Geräusch, das uns aus dem hintersten Sektor des Westflügels entgegenheulte, war kein normales Pumpen-Summen. Es war das schrille, hochfrequente, absolut ohrenbetäubende Kreischen einer vierhundert Kilowatt starken KSB-Titan-Blockpumpe, deren Magnet-Kupplung mit dreitausendzweihundert Umdrehungen pro Minute in das kalte Wasser schlug. Das dicke, blau lackierte Gusseisen-Gehäuse der Maschine vibrierte so gewalttätig, dass der feuchte Epoxidharz-Boden unter unseren Stiefeln regelrecht tanzte.
Direkt über der Pumpe saß der große, motorisierte Sperrschieber DN 200 – das Ventil, das die Kadaver-Brühe aus dem Fundament-Schacht in die Steigleitung zum Foyer drücken sollte.
Auf dem runden, schwarzen Positions-Anzeiger des Stellantriebs rotierte ein leuchtend gelber Pfeil mit quälender, unaufhaltsamer Langsamkeit von der Markierung 0° (GESCHLOSSEN) in Richtung der roten Markierung 90° (GEOEFFNET). Er stand bereits bei fünfunddreißig Grad.
„Okonjo!“, schrie Thomsen über den mörderischen Lärm der Titan-Schaufeln hinweg. Er stand vor dem dicken Manometer der Steigleitung. Die Nadel des Messgeräts zitterte wie im Fieber bei 9,2 Bar und schob sich unerbittlich in den roten Bereich. „Der Schieber öffnet! Wenn der bei sechzig Grad steht, reicht der Querschnitt aus, um die Flüssigkeitssäule bis in das Ozeanbecken zu heben!“
Ich warf den Bolzenschneider beiseite und stürzte mich auf das große, grün lackierte Handrad aus Gusseisen, das oben auf dem Stellantrieb saß. Es war die manuelle Not-Handbetätigung des Schiebers. Ich packte den kalten Kranz mit beiden Händen, stemmte die Stiefel gegen das Fundament der Pumpe und legte meine gesamte, von Adrenalin kochende Kraft in eine Rechtsdrehung, um die Spindel mit Gewalt nach unten zu zwingen.
Das Handrad bewegte sich keinen Millimeter.
Das Getriebe des elektrischen Auma-Stellantriebs besaß eine selbsthemmende Schnecken-Verzahnung. Solange der Elektromotor des Antriebs unter Strom stand und den Befehl zum Öffnen ausführte, blockierte die Mechanik jeden manuellen Eingriff von außen. Der Motor knurrte gegen meine Hände an; die Hitze, die aus den Lüftungsschlitzen des Stator-Gehäuses schlug, war so sengend, dass mir der Geruch von verbranntem Schutz-Lack in die Nase stieg.
„Geht nicht!“, brüllte ich und riss die Hände zurück. Auf meinen Handflächen hatten sich weiße, schmerzhafte Druck-Schwielen gebildet. „Das Schneckengetriebe sperrt! Wenn ich da mit dem Hebelrohr reingehe, schere ich den Messing-Mitnehmer ab, und der Schieber knallt durch den Leitungsdruck sofort auf hundert Prozent!“
Thomsen blickte auf seine Armbanduhr. Seine alten, wässrigen Augen waren hinter den dicken Brillengläsern vollkommen weit, vollkommen nackt vor Entsetzen.
„Siebenundvierzig Sekunden, Okonjo! Das Wasser im Foyer fängt an zu steigen! Die merken das oben gleich!“
Ich blickte auf das dicke, graue PVC-Rohr. Ich sah die violette, nach Essig und Leichen riechende Brühe durch das halbtransparente Schau-Glas der Vor-Filter-Einheit schießen. Ich dachte an die dreihundert Rochen und Haie oben im goldenen Licht. Ich dachte an das Gesicht von Albert von Finck, der dort oben mit seinem Sektglas stand und darauf wartete, dass der schwarze Anlagentechniker im Keller den Hebel für den „tragischen Bedienfehler“ umlegte.
Wenn du das Herz nicht stoppen kannst, David, sprach die Stimme meines Vaters in meinem Kopf, dann schneid ihm die Ader auf. Lass es verbluten.
Mein Blick schoss am Gehäuse der Titan-Pumpe nach unten. Ganz nach unten, dorthin, wo das massive Gusseisen fast den Rohbeton des Fundament-Sockels berührte.
Dort saß das Schlamm-Ablassventil.
Es war ein klobiger, von einer dicken Schicht aus altem Salz und grauem Kalk überzogener Drei-Zoll-Kugelhahn mit einem kurzen, angerosteten Stahlhebel. Dieses Ventil diente dazu, bei der jährlichen Grund-Reinigung der Hauptpumpe den schweren Bodensatz aus Sand und Fischkot direkt auf den Boden des Keller-Schachtes abzulassen – in die sogenannte „Blinde Grube“, eine vier mal vier Meter große, vollkommen betonierte Auffang-Wanne im Fundament, die keinerlei Verbindung zum städtischen Siel oder zum Foyer besaß, sondern einfach nur als flüssigkeitsdichter Havarie-Puffer diente.
Ich riss den schweren, sechsunddreißig Millimeter fassenden Gedore-Rohrschlüssel aus meiner Gesäßtasche und warf mich flach auf den nassen, schmutzigen Betonboden.
Das eiskalte Sickerwasser zog sofort durch meine aufgerissene Kleidung; der beißende Dunst von Kupfersulfat und Formalin am Boden war so konzentriert, dass mir augenblicklich das Wasser aus den Augen schoss und mein Hals sich mit einem trockenen, würgenden Krampf verschloss. Ich setzte die gezahnten Backen der Zange auf den verrosteten Vierkant des Ablass-Hebels und zog die Rändel-Mutter fest.
Das Gewinde war vollkommen festgefressen. Die jahrelange Säure-Einwirkung aus Sektor Sieben hatte den Stahl des Hebels mit dem Gusseisen des Gehäuses regelrecht kaltverschweißt.
Ich legte meine linke Schulter unter den Zangengriff. Mein geschwollenes Jochbein presste sich direkt gegen das eiskalte, mörderisch vibrierende Metall des Pumpen-Gehäuses. Der Schmerz war so absolut, so rein, dass sich vor meinen Augen ein roter, flimmernder Schleier bildete.
„Professor!“, brüllte ich blind in den Lärm hinein. „Auf den Zangen-Griff! Mit allem, was Sie wiegen! Drücken Sie!“
Ich spürte, wie sich Professor Thomsens langer, hagerer Körper im grauen Flanell über mich warf. Der einundsiebzigjährige Wissenschaftler legte seine beiden Hände auf das stählerne Ende des Rohrschlüssels, stemmte sein Kinn gegen mein Schlüsselbein und drückte mit einem gequälten, urtümlichen Keuchen nach unten.
28 Sekunden. Das Manometer stand bei 11,8 Bar. Die Steigleitung begann mit einem harten, mahlenden Geräusch in ihren Wand-Schellen zu arbeiten.
„ZIIIIIEHEN!“, brüllte Thomsen direkt an meinem Ohr.
Wir legten unsere gesamte, von Todesangst und Wut getriebene Existenz in diesen einen, rostigen Gusseisen-Hebel.
KRAAAAA-TSCHACK.
Es klang, als hätte jemand ein dickes, trockenes Eichenholz-Scheit mitten im Raum zerbrochen. Der festgefressene Kugelkopf im Inneren des Ventils riss aus seinem Kalk-Bett. Der rostige Stahlhebel schlug mit einer solchen Gewalttätigkeit nach unten durch, dass mir der Zangengriff aus den Fingern riss und scharf gegen mein Schienbein schlug.
Was im selben Moment aus der drei Zoll messenden Seiten-Öffnung der Pumpe brach, war keine Flüssigkeit. Es war eine mörderische, dunkelviolette, mit grauem Schaum durchsetzte Hochdruck-Lanze aus Tributylzinn und dreißigprozentigem Formaldehyd.
Der Strahl schoss mit elf Bar horizontal über den Kellerboden, verfehlte unsere Köpfe um Haaresbreite und krachte mit einem nassen, ohrenbetäubenden FROOOOOSCH voll gegen die graue Beton-Rückwand der Auffang-Grube. Die Wucht des Aufpralls zersprengte die Brühe in Millionen winziger, violetter Tröpfchen, die sich wie ein giftiger, schwerer Monsun-Regen über die Pumpen-Sockel legten.
Auf dem Manometer über uns fiel die Nadel regelrecht herab: 11,8 … 6,2 … 1,4 Bar.
Die Steigleitung zum Foyer war schlagartig drucklos.
Die vierhundert Kilowatt starke KSB-Pumpe verlor in der Steigleitung ihre Wassersäule. Sie geriet in absolute, unkontrollierte Kavitation. Das massive Titan-Laufrad im Inneren schlug plötzlich in leeren, mit Formalin-Dampf gefüllten Raum; die Schaufeln jaulten mit einem schrillen, ohrenzerreißenden Metall-auf-Metall-Kreischen auf, das klang, als würde man eine Kreissäge in einen massiven Stahlträger treiben. Drei Sekunden später riss der Haupt-Schaltschrank an der Wand mit einem harten, peitschenartigen Knall den 630-Ampere-Hauptschütz aus den Klemmen: KLACK-PANG.
Die Sicherungs-Automaten der Ebene Minus Zwei waren gefallen.
Mit einem Schlag herrschte im Westflügel eine vollkommene, geradezu unnatürliche Totenstille.
Man hörte nur noch das schwere, pfeifende Keuchen von Professor Thomsen neben mir auf dem Beton. Und das weiche, klebrige Plätsch-Plätsch-Plätsch, mit dem sich viertausend Liter der hochgiftigen Kadaver-Brühe am Boden der blinden Auffang-Grube zu einem knöcheltiefen, dunkelvioletten See sammelten.
„Wir … wir haben es geschafft“, flüsterte ich und versuchte, mich auf die Knie zu stemmen. Meine Hände zitterten so stark, dass sie auf dem glatten Epoxidharz abrutschten. „Die Leitung ist leer. Oben kommt kein Tropfen an.“
Professor Thomsen antwortete nicht. Er saß auf dem Hosenboden mitten in der feuchten Pfütze, das rot karierte Taschentuch mit beiden Händen so fest vor das Gesicht gedrückt, dass seine Fingerknöchel vollkommen weiß traten. Sein ganzer Körper wurde von einem harten, trockenen, rasselnden Hustenkrampf geschüttelt.
„Raus …“, erstickte er durch den Stoff, während er mich mit weit aufgerissenen, tränenden Augen ansah. „Raus hier, Okonjo! Sofort! Das Formalin … es verdampft an der warmen Luft! Wenn wir diese Brühe drei Minuten ungeschützt einatmen, verätzen unsere Lungenbläschen zu einer blutenden Masse! Hoch ins Zwischengeschoss! Zur Frischluft-Ansaugung!“
Wir stolperten den langen, fahl grün beleuchteten Korridor zurück in Richtung der gewendelten, eisernen Fluchttreppe, die von der Ebene Minus Zwei nach oben in das technische Zwischengeschoss und zur Tiefgarage Deck Drei führte. Die Luft im Flur wurde mit jedem Meter, den wir uns von der brodelnden Grube entfernten, kühler, aber der scharfe, beißende Essig-Dunst klebte uns bereits in den Haaren und auf der feuchten Haut.
Als wir den ersten Absatz der eisernen Spindeltreppe erreichten, blieben wir wie angewurzelt stehen.
Von oben, aus dem dämmrigen Halblicht der Ebene Minus Eins – genau vor der schweren, mit einem Panik-Balken versehenen Brandschutztür zur Tiefgarage –, drang ein Geräusch zu uns herab.
Es war ein fahriges, rhythmisches Ratsch … Ratsch … Ratsch. Das Geräusch eines schweren, klemmenden Reißverschlusses, an dem jemand mit zitternder, panischer Hand riss.
Wir stiegen die letzten sechs Eisenstufen lautlos hinauf.
Auf dem grauen Beton-Absatz saß Dr. Martin Krüger.
Der zweiundvierzigjährige Tierarzt hatte sein feines, hellgraues Sommer-Sakko achtlos über das eiserne Geländer geworfen. Sein weißer Kittel war an den Knien vollkommen schmutzig und von violetten Sickerwasser-Spritzern gezeichnet; seine Krawatte hing ihm wie ein schlaffer Strick um den geöffneten Kragen. Zwischen seinen weit gegrätschten Beinen stand eine schwere, altmodische, dunkelbraune Sattler-Arzttasche aus dickem Rindsleder mit massiven, angelaufenen Messing-Schlössern.
Er blickte hoch, als unsere Schatten über den Treppen-Absatz fielen. Sein Gesicht war glänzend vor kaltem Schweiß; seine Pupillen waren im fahlen Licht der Notausgang-Leuchte so weit aufgerissen, dass von seiner Iris fast nichts mehr zu sehen war.
Es war der Moment, in dem der Kippmoment dieses dritten Kapitels seine erste, eiskalte Stufe erklomm.
STUFE 1: KONTROLLE DES TÄTERS
Krüger riss die Hände von der Ledertasche zurück, sprang mit einem unkoordinierten Satz auf die Füße und presste den Rücken fest gegen die graue Brandschutztür. Er versuchte, seinen Körper zu strecken; er versuchte, jene herablassende, absolut unangreifbare Arroganz des Rotherbaum-Mediziners aufzusetzen, die er vor den Sponsoren im Foyer getragen hatte.
„Sie … Sie haben die Haupt-Sicherungen geworfen“, keuchte Krüger, und seine Stimme besaß eine schrille, fast überschnappende Aggressivität. „Ich habe den Schlag bis hier oben gehört! Sie Wahnsinnigen! Sie haben das Entwässerungs-System der Ebene Minus Zwei sabotiert! Helena hat den Werks-Schutz und die Kriminalpolizei bereits über das interne Netz verständigt! Die Server-Protokolle sind fälschungssicher gesichert! Sie und dieser … dieser kriminelle Hilfsarbeiter hier haben die Pumpen-Ventile mutwillig blockiert, um das Haus zu erpressen! Das SEK der Wasserschutzpolizei riegelt in diesem Moment die Ericusbrücke ab! Sie sind erledigt, Christian! Meine Kanzlei wird dafür sorgen, dass man Ihnen den Professoren-Titel aberkennt, und Sie, Okonjo … Sie gehen für schwere, gemeingefährliche Umwelt-Kriminalität direkt nach Fuhlsbüttel hinter Gitter!“
STUFE 2: AKTIVER WIDERSTAND DER HAUPTFIGUR
Ich wich keinen Zentimeter zurück. Ich trat mit meinen schweren, nassen Stiefeln voll auf den Beton-Absatz, sodass mein zwei Meter großer Körper den schmalen Treppen-Auslass vollkommen blockierte. Ich blickte auf Krügers schweißnasse Stirn. Und dann blickte ich nach unten auf die geöffnete, schwere Rindsledertasche zwischen seinen Füßen.
„Herr Dr. Krüger“, sagte ich. Meine Stimme besaß jetzt nicht mehr den rauen, belegten Ton des Kellers; sie war tief, schwer und vollkommen unerschütterlich. „Sie haben vor dreißig Minuten oben im Flur vor Professor Thomsen gesagt, Sie hätten die gefälschten Seuchen-Totenscheine für die Arapaimas unterschrieben, weil die Universität Hamburg Ihnen die Drittmittel für das Seepferdchen-Labor gestrichen hat.“
Ich hob den rechten Arm und deutete mit meinem schmutzigen, von Schmierfett und Blut gezeichneten Zeigefinger direkt auf die geöffnete Seitentasche der Ledermappe.
„Die Universität Hamburg überweist ihre Forschungsgelder ausschließlich per Landesoberkasse-Scheck an die Finanzkasse in der Dammtorstraße. Warum steckt in der Seitentasche Ihrer Arzttasche eine digitale Industrie-Kofferwaage, und warum klemmen darunter vier dicke, vakuumverschweißte Plastik-Bündel mit druckfrischen Fünfzig-Euro-Scheinen, die die originalen, violetten Papier-Banderolen der Finck & Co. Privatbank aus Zürich tragen?“
STUFE 3: FEHLER DES TÄTERS
Krüger zuckte zusammen, als hätte ich ihm mit einer Reitgerippe ins Gesicht geschlagen. Die unnatürliche, weiße Farbe wich vollkommen aus seinen Wangen; sein Mund öffnete und schloss sich zweimal, ohne dass ein Ton herauskam.
„Das … das ist mein privates Liquiditäts-Polster!“, kreischte er plötzlich im reinen Falsett. „Das geht Sie überhaupt nichts an! Das sind Honorar-Rücklagen!“
In einer vollkommen blinden, von reiner Panik getriebenen Kurzschluss-Reaktion riss er die schwere Sattler-Tasche an den beiden Tragegriffen nach oben, um sie an seine Brust zu pressen und sich mit der Schulter an mir vorbei in den Treppenraum zu werfen. Doch er hatte die nackte, schwere Masse des Inhalts unterschätzt. Seine schweißnassen Finger rutschten auf dem glatten, speckigen Rindsleder ab.
Die Tasche entglitt ihm. Sie schlug mit voller Wucht auf die scharfe, geriffelte Gusseisen-Kante der obersten Treppenstufe.
KRRR-KRACH.
Das dicke, gealterte Leder der Bodennaht riss auf einer Länge von dreißig Zentimetern vollkommen auf. Die Mappe kippte vorn über, überschlug sich zweimal auf den Eisenstufen und entleerte ihren gesamten, absolut mörderischen Inhalt über den grauen Betonboden des Treppen-Absatzes.
Vakuum-Bündel mit Schweizer Banknoten schlitterten scheppernd gegen das Geländer. Eine digitale Präzisions-Waage zerbrach in zwei Teile. Aber ich blickte nicht auf das Geld.
Aus dem gepolsterten, samtausgeschlagenen Mittelfach der Arzttasche rollte ein schweres, kühles Instrument aus gebürstetem, blau eloxiertem Chirurgen-Stahl. Es sah aus wie eine klobige, druckluftbetriebene Pistole, ungefähr fünfundzwanzig Zentimeter lang – ein professioneller, subkutaner Großtier-Druckinjektor, wie man ihn in der Hochsee-Zucht benutzt, um riesigen Thunfischen oder Walen vom Boot aus Medikamenten-Lanzen in den Hauptmuskel zu schießen.
Krüger stieß einen spitzen, unmenschlichen Schrei aus. Er warf sich auf die Knie, ignorierte die Tausender-Bündel vollkommen und krallte die Finger in den nassen Beton, um die blaue Stahlpistole zu packen, bevor sie die Treppe hinabrollen konnte.
Ich war schneller. Ich hob den rechten Arbeitsstiefel und trat mit der schweren, salzigen Profilsohle voll auf den blauen Lauf des Injektors, sodass das Metall mit einem harten Knirschen auf dem Beton festnagelte.
An der hinteren Lade-Kammer der Pistole saß kein Transponder-Magazin. Dort saß eine schwere, dickwandige, einhundert Milliliter fassende Glas-Kartusche, die mit einer öligen, bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt war. Auf dem Bauch der Kartusche klebte ein leuchtend gelber, mit einem schwarzen Totenkopf versehener Warn-Aufkleber aus einer human-klinischen Zentral-Apotheke:
„METHOTREXAT / CYTOSTATIKUM – 500 mg/ml. HOCHGRADIG ZELLTOXISCH. ABSOLUTES BEDIEN-VERBOT AUSSERHALB DER INTRAVENÖSEN HUMAN-ONKOLOGIE.“
STUFE 4: NEUE GEFÄHRLICHE FRAGE
Professor Thomsen ließ sich langsam neben meinem Stiefel auf die Knie herab. Er berührte das Glas nicht; er beugte seinen alten, von dicken Brillengläsern vergrößerten Kopf nur so weit nach unten, dass seine Nasenspitze fast das gelbe Papier des Warnschildes berührte.
Als er sprach, war jede Spur von trockenem Kieler Spott aus seiner Stimme verschwunden. Es war der nackte, tonlose Flüsterton eines Gelehrten, der auf eine Formel blickt, die die Grundfeste der Schöpfung verhöhnt.
„Martin …“, flüsterte Thomsen, und seine weißen Haarsträhnen zitterten im Luftzug des Treppenhauses. „Methotrexat ist ein extrem hochdosiertes Chemotherapie-Medikament. Es ist ein Folsäure-Antagonist. Es blockiert die Zellteilung von hochgradig bösartigen Karzinomen im menschlichen Körper. In der Meeresbiologie oder der Veterinärmedizin hat dieser Stoff absolut nichts zu suchen. Wenn man einem zweihundert Kilogramm schweren Süßwasserfisch eine solche Dosis humanes Cytostatikum direkt in die Rückenmuskulatur schießt, stirbt das Tier nicht an einer Vergiftung. Es zersetzt sich bei lebendigem Leibe. Seine gesamte Darmschleimhaut und sein Leber-Gewebe lösen sich binnen vier Stunden zu einer flüssigen, blutenden Nekrose auf.“
Thomsen richtete den Kopf langsam auf und blickt Krüger direkt in das verzerrte, weinende Gesicht.
„Warum spritzt man einem gigantischen Amazonas-Fisch, den man zeitgleich mit hochgiftigem, krebserregendem Schiffs-Lack vergiftet, ein menschliches Chemotherapie-Medikament, Martin? Was haben Sie in Sektor Sieben mit diesen Tieren gemacht?“
Krüger saß auf den Fersen, den Kopf gegen das eiserne Geländer der Treppe gepresst, und weinte mit weichen, absolut erbärmlichen, stoßweisen Schluchzern. Er sah aus wie ein nasser, grauer Sack, den man in die Ecke geworfen hatte.
„Wir … wir mussten die Nekrose-Raten dokumentieren …“, erstickte er durch seine Tränen, während sich seine lackierten Fingernägel in den Stoff seiner eigenen Flanellhose bohrten. „Albert … Albert hat die Kurven jeden Freitagmorgen um sechs Uhr verlangt … Er brauchte die frischen Gewebe-Schnitte … die Leber-Punktate aus den lebenden Tieren … exakt alle vierzehn Tage … im gekühlten Stickstoff-Behälter direkt in sein privates Labor nach Rotherbaum …“
Ich blickte nach unten auf den Betonboden. Direkt neben meiner linken Stiefelspitze, halb verdeckt von einem Bündel Schweizer Franken, lag Krügers privates klinisches Notizbuch – ein in schwarzes Kalbsleder gebundenes Buch der Marke Leuchtturm, dessen rotes Gummiband beim Sturz gerissen war. Es war aufgeschlagen bei einer Tabelle vom 10. November.
Ich bückte mich. Ich hob das Buch auf. Mein schmutziger Daumen hinterließ einen dunklen Schmierfleck auf dem feinen, chamoisfarbenen Papier.
Ich las die sauberen, mit extrem feiner Feder gezogenen Spalten-Köpfe der Tabelle:
Spalte 1: Datum der Injektion. Spalte 2: TBT-Sättigung im Blut. Spalte 3: Leukozten-Absturz. Spalte 4: Toleranz-Grenze Organ-Versagen.
Aber ganz oben auf der Seite, in der Kopfzeile des Dokuments, stand in dicker, blutroter Tinte das Master-Referenz-Subjekt für die gesamte dreijährige Versuchsreihe. Es war kein lateinischer Tiername. Es war keine Bestandsnummer des Aquariums.
Dort stand in sauberen Druckbuchstaben:
„PROBAND: A. v. F. – ZYKLUS 4 (HEMM-TEST LEBER-METASTASIERUNG / MAXIMAL-DOSIS HUMAN-TOXIKOLOGIE).“
„A. v. F.“, las ich laut vor. Meine Stimme hallte hohl von den nackten Betonwänden wider.
Professor Thomsen richtete sich ganz langsam auf. Sein Gesicht war jetzt vollkommen aschfahl, vollkommen blutleer. Er nahm die dicke Nickelbrille ab, ließ sie an dem schwarzen Kordel-Band auf seine Brust sinken und starrte mit leeren, ungläubigen Augen an die Decke des Treppenhauses, während sich die gesamte, monströse, absolut abartige Logik dieses Millionen-Projekts in seinem Verstand zu einem glasklaren Bild zusammenfügte.
„Albert von Finck …“, flüsterte Thomsen, und seine Knie gaben ein leises, trockenes Knacken von sich. „Albert hat Leberkrebs im Endstadium. Er testet kein Schiffs-Antifouling an diesen Fischen. Das Tributylzinn war nur das extrem langlebige Träger-Gift, um künstliche, hochaggressive, menschlich identische Leber-Tumore in den riesigen Organismen der Arapaimas zu züchten … damit seine privaten Onkologen in Rotherbaum an lebenden, zweihundert Kilogramm schweren Wirbeltieren testen können, welche absolut tödlichen Chemotherapie-Cocktails seine eigene, sterbende Leber noch verträgt, bevor der Gesamt-Organismus kollabiert …“
In genau diesem Sekundenbruchteil geschah das, was diesen gesamten Abend endgültig über den Rand des Abgrunds stieß.
Die schwere, doppelwandige Brandschutztür aus grauem Stahl direkt über uns – die Tür, die vom Treppenhaus auf das gesicherte VIP-Parkdeck Drei der Tiefgarage führte – schwang mit einem langsamen, schweren, hydraulischen Ächzen nach außen auf.
Ein eiskalter, gleißender Schwall von weißem Leuchtstoffröhren-Licht aus der Garage flutete über die Betonstufen nach unten und warf lange, scharfe, schwarze Schatten über Krügers weinende Gestalt.
Auf der obersten Schwelle, eingerahmt von dem polierten, dunklen Chrom-Kühlergrill einer wartenden Maybach-Limousine, stand Albert von Finck.
Der siebzigjährige Patriarch trug keinen Smoking mehr. Er trug einen schweren, nachtblauen Kaschmir-Mantel mit hochgeschlagenem Kragen; seine Schultern wirkten schmaler als vorhin im Foyer, und seine beiden Hände ruhten schwer und zitternd auf dem silbernen Knauf eines schwarzen Gehstocks aus Kohlefaser. Links und rechts hinter ihm standen zwei hochgewachsene Männer in dunklen Anzügen, deren rechte Hände vollkommen ruhig und entspannt auf den Holstern ihrer verdeckten Dienstwaffen lagen.
Von Finck blickte die sechs Betonstufen hinab. Er blickte auf den weinenden Tierarzt auf dem Boden. Er blickte auf die verstreuten Schweizer Banknoten. Er blickte auf die blaue Stahl-Injektionspistole unter meiner Stiefelsohle.
Und schließlich hob er den Kopf und fixierte mit seinen kühlen, grauen, absolut mitleidlosen Reeder-Augen direkt mein geschwollenes, pochendes Jochbein.
Die Stille im Treppenhaus war so absolut, dass man das leise, rhythmische Knistern des abkühlenden Maybach-Auspuffs hinter ihm hören konnte.
Albert von Finck trat einen langsamen, schweren Schritt über die Schwelle auf die oberste Stufe, stützte das Kinn auf seine behandschuhten Hände und sprach einen einzigen, vollkommen ruhigen, vollkommen hanseatischen Satz hinab in unsere Kälte – einen Satz, der meine gesamten dreißig Jahre ehrlicher Arbeit im Hamburger Hafen in Sekundenschnelle in ein unterschriebenes Todesurteil verwandelte.
KAPITEL 4
„Herr Okonjo“, sagte Albert von Finck.
Seine Stimme war nicht laut, aber sie besaß jene schwere, mehlige Trockenheit, die Männern zu eigen ist, deren Sätze am Hamburger Landgericht üblicherweise wie notarielle Testamente behandelt werden. Er stand auf der obersten der sechs Betonstufen, den schweren, nachtblauen Kaschmir-Mantel über die breiten Schultern gelegt, die behandschuhten Hände auf den silbernen Knauf seines Gehstocks gestützt. Hinter ihm, im eiskalten, weißen Licht der Leuchtstoffröhren des Parkdecks Drei, spiegelte sich das Neon in der handpolierten, schwarzen Lackierung seiner Maybach-Limousine.
„Es ist eine bedauerliche, aber offenkundig unausrottbare hanseatische Tradition“, fuhr der Milliardär fort, während seine kühlen, grauen Augen mein geschwollenes, pochendes Jochbein fixierten, „dass die Männer, die unten in den Bilgen die Ventile fetten, am Ende des Tages irgendwann glauben, ihnen gehöre das Schiff. Sie haben sich heute Abend sehr um mein Eigentum bemüht, Herr Okonjo. Sie haben sich sogar, wie ich sehe, körperlich ruinieren lassen, um eine Wasserprobe durch mein Foyer zu tragen. Aber ein guter Maschinist weiß, wann die Kessel abgestellt werden müssen – und vor allem weiß er, wer den Schlüssel für das Hauptschott behält.“
Er machte eine winzige, kaum wahrnehmbare Bewegung mit dem Kinn.
Die beiden hochgewachsenen Männer in den dunklen Maßanzügen, die links und rechts hinter seinen Schultern gestanden hatten, lösten sich aus dem Schatten des Maybachs. Ihre Bewegungen besaßen nicht die fahrige, rasselnde Hektik von Peter Kowalski; es war der lautlose, absolut synchronisierte Tritt von ehemaligen Feldjägern, die ihr Handwerk in den Personenschutz-Kommandos der Bundeswehr gelernt hatten. Der linke von ihnen – ein Mann mit kurz geschorenen, grauen Haaren und einer feinen, weißen Narbe am Ohrläppchen – ließ seine rechte Hand vollkommen ruhig auf das matt schwarze Holster seiner verdeckten Dienstwaffe gleiten.
„Albert!“, brüllte Professor Thomsen.
Der einundsiebzigjährige Meeresbiologe stand unten auf dem Absatz, die Hände zu Fäusten geballt, das weiße Haar wirr um den Kopf stehend. Seine dicke Nickelbrille hing schief an ihrer schwarzen Kordel über seiner Brust.
„Du bist wahnsinnig geworden, Albert!“, schrie Thomsen, und seine tiefe, brummige Kieler Stimme überschlug sich in einem schrillen, nackten Entsetzen, das von den nackten Betonwänden des Treppenhauses widerhallte. „Du hast diese sechsunddreißig Arapaimas nicht importiert, um ein Zuchtprogramm zu betreiben! Du hast sie als lebende, zweihundert Kilogramm schwere Tumorträger missbraucht! Du hast ihnen das Tributylzinn über Monate hinweg in die Kiemen gepumpt, um ihre Leber-Zellen künstlich entarten zu lassen, damit deine privaten Rotherbaum-Onkologen an gigantischen Wirbeltieren testen können, welche verdammte Maximal-Dosis Methotrexat deine eigene, von Metastasen zerfressene Leber noch aushält, bevor dein Kreislauf kollabiert! Du hast das Palais der Meere als steuerfinanziertes, illegales Tierversuchs-Labor für deine eigene, private Chemotherapie umgebaut!“
Albert von Finck rührte sich nicht. Er würdigte den weinenden Tierarzt Dr. Krüger, der noch immer wimmernd zwischen den verstreuten Schweizer Tausender-Bündeln auf den Knien lag, keines Blickes. Er hob lediglich ganz langsam seine rechte Hand vom Stockknauf und rieb sich mit dem Daumen der Lederhandschuhe über die schmale Schläfe.
„Christian“, sagte von Finck, und sein Tonfall glitt in jene weiche, geradezu väterliche Melodie ab, mit der man einem unbegabten Praktikanten einen simplen Dreisatz erklärt. „Du warst schon immer ein brillanter System-Analytiker, aber du besaßt nie die intellektuelle Weitsicht für das große Ganze. Schau mich an. Ich bin siebzig Jahre alt. Meine Familienstiftung kontrolliert zweiundvierzig Containerschiffe, drei Werften in Bremerhaven und vierzehn Logistik-Zentren zwischen Hamburg und Shanghai. Wenn ich sterbe, Christian, fallen dreitausend Arbeitsplätze im norddeutschen Raum unter die Sanierungs-Schere einer Schweizer Holding.“
Er tat einen langsamen, schweren Schritt auf die fünfte Stufe herab. Man hörte das harte, trockene Knacken seines Kohlefaser-Stocks auf dem geriffelten Gusseisen.
„Meine Onkologen in Zürich haben mir im vergangenen Juni die CT-Aufnahmen meiner Leber auf den Tisch gelegt“, sagte von Finck vollkommen ruhig. „Drei Karzinome. Das mittlere von der Größe einer geschlossenen Kaffeetasse, direkt an der Vena portae. Die klassische human-klinische Onkologie gibt einem Mann in meinem Zustand acht Monate. Eine reguläre, doppelblinde klinische Zulassungsstudie für die hochdosierte Methotrexat-Gegen-Titration, die meine Schweizer Ärzte entwickelt haben, dauert in der Europäischen Union sieben Jahre. Sieben Jahre, Christian! In Bonn sitzen dreiundzwanzig Oberregierungsräte in Ethik-Kommissionen und debattieren darüber, ob man einer Maus ein Milligramm Folsäure-Antagonist spritzen darf, während mir das Blut in den eigenen Gallengängen gerinnt!“
Er streckte den rechten Arm aus und deutete mit der schwarzen Stockspitze direkt auf das dicke, in schwarzes Kalbsleder gebundene Leuchtturm-Notizbuch, das ich noch immer mit schmutzigen Fingern gegen meine Brust presste.
„Ein Arapaima gigas“, flüsterte Albert von Finck, „besitzt eine Leber-Masse von vierzehn Kilogramm. Seine vaskuläre Durchblutungs-Architektur und seine enzymatische Verstoffwechselung von Schwermetallen sind dem menschlichen Oberbauch zu achtundneunzig Prozent identisch. Dr. Krüger hat meinen Züricher Ärzten alle vierzehn Tage die frischen, lebenden Leber-Punktate aus Sektor Sieben geliefert. Wir konnten die toxischen Spitzen des Methotrexats an diesen Tieren exakt so weit hochfahren, bis ihre Organe rissen – und wir wussten am nächsten Morgen in Zürich exakt, auf den Milliliter genau, wie viel Milligramm des Cytostatikums mein eigener Tropf am Nachmittag führen durfte, ohne dass meine Nieren versagen.“
Er atmete einmal tief, pfeifend durch die Nase ein. Ein nasses, rasselndes Geräusch tief in seinen Bronchien verriet, dass der Krebs bereits nach seinem Zwerchfell griff.
„Dank der Daten aus Ihrem Keller, Herr Okonjo“, sagte von Finck mit einem schmalen, absolut mitleidlosen Lächeln, „sind meine drei Metastasen seit November um zweiundzwanzig Prozent geschrumpft. Ich werde diesen Sommer auf meiner Terrasse in Kampen auf Sylt sitzen. Ich werde erleben, wie meine Enkeltochter eingeschult wird. Und wenn mich dieses kleine, private Forschungsprojekt unter der Elbe am Ende vier Millionen Euro für ein paar tote Fische, zweihunderttausend Franken Schweigegeld für einen spielsüchtigen Tierarzt und eine unglückliche Havarie-Meldung im Maschinenraum kostet … dann ist das ein kaufmännischer Deckungsbeitrag, den ich aus der Porto-Kasse meiner Privatschatulle begleiche.“
Er blickte zu dem grauhaarigen Personenschützer herüber.
„Holmer“, sagte von Finck vollkommen beiläufig. „Nehmen Sie dem Techniker das Buch ab. Sichern Sie die Glas-Kartusche aus der Injektionspistole. Und dann helfen Sie Dr. Krüger beim Einsteigen. Wir fahren.“
Der Mann namens Holmer nickte einmal kurz. Er machte zwei schnelle, schwere Schritte die Betonstufen hinab.
Es war der Moment, in dem das vierte Kapitel seine erste, alles entscheidende Kipp-Stufe erreichte.
STUFE 1: KONTROLLE DES TÄTERS
Holmer zog keine Schusswaffe. Er wusste, dass ein Projektil in einem geschlossenen, hell erleuchteten Treppenhaus der Hafencity ein ballistisches Protokoll hinterlässt, das selbst die Hausanwälte der Finck-Gruppe am Montagmorgen nicht aus den Akten der Hamburger Staatsanwaltschaft wischen können. Stattdessen schoss seine rechte Hand an sein Koppel und zog einen einundzwanzig Zoll langen, schweren Teleskop-Schlagstock der Marke ASP aus gehärtetem Einsatz-Stahl.
Mit einem scharfen, trockenen Scht-KLACK fuhren die drei Stahlsegmente auseinander und arretierten mit mörderischer Härte.
„Buch her, Okonjo“, brummte Holmer. Seine Stimme war vollkommen flach, vollkommen mechanisch. Er stand eine Stufe über mir; seine breiten Schultern blockierten das gesamte Licht, das aus der Garage herabfiel. „Machen Sie sich das Leben nicht schwer. Sie haben ein kaputtes Knie, Sie wiegen einhundertzehn Kilo, und hinter Ihnen steht ein Rentner. Wenn ich Ihnen mit der Stahlkante auf den Radial-Nerv schlage, lassen Sie das Leder von ganz alleine los. Geben Sie es mir.“
STUFE 2: AKTIVER WIDERSTAND DER HAUPTFIGUR
Ich wich keinen Millimeter zurück.
Ich stand da, zwei Meter groß, mein dunkelblaues Arbeits-Polohemd von Helena Voss’ zerschmetterter Duran-Flasche vollkommen mit weißen, kratzigen Salzkristallen überzogen, die linke Schulter von der Flucht durch den Doppelboden blutig geschürft. Ich dachte an meinen Vater. Ich dachte an das Kühlhaus am Altonaer Fischmarkt bei minus achtzehn Grad. Mein Vater hatte immer gesagt: „David, wenn die feinen Leute die Schotten verriegeln und glauben, sie hätten die Logik auf ihrer Seite … dann diskutiere nicht mit ihnen über das Recht. Geh ins Blech. Such den Punkt, an dem die Mechanik stärker ist als ihr Geld.“
Ich blickte nicht auf den Stahlstock. Ich blickte Holmer direkt in seine kühlen, verengten Augen. Und dann ließ ich meine linke Hand – die riesige, von Schwielen überzogene Hand eines Rohrschlossers – blitzschnell nach unten schießen, packte nicht seine Waffe, sondern den dicken, seidenen Knoten seiner Krawatte, wickelte den Stoff mit einer einzigen, brutalen Drehung meines Unterarms fest um meine Knöchel und riss seinen einhundert Kilo schweren Oberkörper mit meiner gesamten, von Adrenalin kochenden Masse nach vorn unten gegen das eiserne Treppengeländer.
Holmer stieß ein dumpfes, ersticktes Keuchen aus. Der Teleskop-Stock schlug wild gegen das Mauerwerk und riss die graue Farbe von der Wand, aber er verfehlte meinen Arm.
In genau diesem Sekundenbruchteil geschah etwas, das Albert von Finck in seinen siebzig Lebensjahren noch nie gesehen hatte.
Professor Dr. Christian Thomsen – einundsiebzig Jahre alt, Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse, ein Mann, dessen Lendenwirbel beim Bücken laut und vernehmlich knackten – warf sich flach auf den schmutzigen, nassen Betonboden, riss die klobige, blau eloxierte Injektionspistole unter meiner Arbeitsstiefel-Sohle hervor, sprang mit einem unkoordinierten, wilden Satz auf die vierte Stufe und richtete die vierzehn Gauge dicke, hohle Edelstahl-Nadel der Pistole direkt auf den ungeschützten, bleichen Hals von Albert von Finck.
„Christian!“, rief der zweite Personenschützer oben am Maybach und riss seine Glock-Pistole aus dem Holster.
„HALT!“, brüllte Thomsen.
Seine Stimme besaß jetzt eine so mörderische, absolut irre Entschlossenheit, dass der Leibwächter mitten in der Bewegung einfror. Thomsen hielt die schwere Druckluft-Pistole mit beiden zitternden Händen; die spitze, scharfkantige Nadel-Öffnung befand sich keine drei Zentimeter von der weichen, pochenden Haut unterhalb von Albert von Fincks rechtem Ohrläppchen.
„Schauen Sie sich die Kartusche an, Albert!“, schrie Thomsen, und seine weißen Haarsträhnen klebten ihm am schweißnassen Vorderschädel. „Hundert Milliliter reines Methotrexat! Fünfhundert Milligramm pro Milliliter! Wenn Ihr Kettenhund dort oben den Abzug krümmt, Albert … wenn mich auch nur ein Streifschuss trifft … zuckt mein Daumen auf diesem mechanischen Auslöser! Das sind zwölf Bar Vordruck aus der CO2-Kapsel! Das gesamte verdammte Cytostatikum schießt binnen einer halben Sekunde subkutan in Ihre Halsschlagader! Das Zeug sprengt Ihre Blut-Hirn-Schranke, bevor Ihr Fahrer den Motor gestartet hat! Sie sterben hier auf den schmutzigen Fliesen, Albert! Sie verrecken hier im Treppenhaus zwischen den nassen Scheinen Ihres Tierarztes!“
STUFE 3: FEHLER DES TÄTERS
Albert von Finck versteifte sich.
Für zwei Sekundenbruchteile sah man, wie die über Jahrzehnte gezüchtete, absolut makellose hanseatische Patina von seinem Gesicht riss. Seine Unterlippe begann mit einem weichen, fahrigen Zittern zu arbeiten; seine grauen Augen weiteten sich in einer nackten, absolut erbärmlichen, animalischen Todesangst, als er auf die scharfe, schräge Kante der Stahlnadel blickte, an deren Spitze ein winziger, gelblicher Tropfen des Chemotherapie-Gifts im kalten Licht der Garage schimmerte.
„Zurück …“, flüsterte von Finck. Er hob beide behandschuhten Hände auf Schulterhöhe. Ein nasser, rasselnder Hustenkrampf schlug durch seine Brust und trieb ihm graue, schmutzige Speichel-Bläschen in die Mundwinkel. „Christian … mach keinen Unsinn … wir können reden … das Institut in Kiel kriegt den Stiftungs-Lehrstuhl … ich verdoppele das Budget …“
Er versuchte, einen langsamen, abwägenden Schritt nach hinten zu tun, um sich aus dem Aktionsradius der Nadel zu ziehen.
Doch er war siebzig Jahre alt. Seine Leber war von Karzinomen durchsetzt, sein Gleichgewichtssinn war durch den monatelangen Methotrexat-Spiegel im Blut schwer geschädigt. Seine linke, rahmengenähte Rindsleder-Sohle trat nicht auf den sauberen Beton der Schwelle; sie trat voll auf ein glattes, rissiges, vakuumverschweißtes Plastik-Bündel mit fünfzigtausend Schweizer Franken, das Dr. Krüger beim Sturz seiner Tasche verloren hatte.
Von Finck rutschte ab.
Sein Kohlefaser-Stock entglitt seinen Fingern, schlug scheppernd gegen das Geländer und kollerte die gesamten zwölf Stufen hinab bis in den dunklen Flur der Ebene Minus Eins. Der Reeder verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen und krachte rückwärts gegen den hinteren, polierten Kotflügel seiner eigenen Maybach-Limousine.
Durch den harten Aufprall seines Körpers löste sich die schwere, doppelwandige Fond-Tür des Wagens aus ihrer Rasterung und schwang mit einem leisen, hydraulischen Surren zu. Doch sie schloss sich nicht vollkommen. Der dicke, schwere Aufschlag seines nachtblauen Kaschmir-Mantels geriet zwischen die Gummi-Lippen der B-Säule.
Das mechanische Soft-Close-System der Maybach-Tür sprang an. Mit einem eiskalten, unerbittlichen Klick-ZIIIIIP zog der elektrische Servomotor die schwere Schörghuber-Tür vollkommen ins Schloss, verriegelte die Bolzen und presste den dicken Kaschmir-Stoff mit einer solchen Gewalttätigkeit im Türspalt fest, dass Albert von Finck mit dem Rücken an sein eigenes Luxus-Auto gefesselt wurde. Er hing da wie ein schlaffer, alter Rabe, den man an ein Scheunentor genagelt hatte; seine Knie gaben nach, und er konnte sich nur halten, indem er sich mit beiden behandschuhten Händen krampfhaft an den verchromten Türgriff klammerte.
„Helfen Sie mir!“, kreischte der Patriarch im reinen Falsett. „Holmer! Schießen Sie ihn nieder!“
STUFE 4: NEUE GEFÄHRLICHE FRAGE / DER FINALE HEBEL
Ich hatte den Personenschützer Holmer losgelassen. Der Mann saß keuchend auf den Stufen, wischte sich das Blut von der aufgeschürften Nase und suchte auf dem Boden nach seinem Schlagstock.
Ich blickte nicht auf Albert von Finck. Ich blickte nicht auf das Schweizer Geld.
Mein Blick schoss an der grauen Betonwand des Treppen-Absatzes nach oben – exakt dorthin, wo links neben der schweren Brandschutztür ein klobiger, leuchtend rot lackierter Stahlkasten der Marke Siemens in das Mauerwerk eingelassen war. Auf der polierten Glas-Scheibe des Kastens prangte der schwarze Schriftzug: FSD / BMZ-MASTER-SCHNITTSTELLE HAFENCITY-SÜD (Sicherheitsstufe 3).
Es war das Herz der Brandmeldezentrale. Das System, das Helena Voss vorhin im Flur über ihr Handbedienteil lokal umgangen hatte, um die Havarie-Pumpen im Keller zu steuern.
Ich griff an meinen Koppel. Mein Daumen – schmutzig, salzig, zitternd – suchte an dem dicken Messing-Ring, den Peter Kowalski mir vor einer Stunde vor die Füße geworfen hatte. Ich suchte nicht den runden Schlüssel für den Keller. Ich suchte das kleine, unscheinbare, dreieckige Stück Gusseisen mit der Bohrung in der Mitte: den amtlichen Feuerwehr-Dreikant.
„David …“, flüsterte Professor Thomsen, ohne die Nadel von von Fincks Hals zu lösen. „Was tun Sie da? Wenn Sie den Handmelder drücken, schaltet die Warte den Strom ab … dann bleiben die Schotten unten …“
„Ich drücke keinen Handmelder, Professor“, sagte ich.
Meine Stimme war jetzt so laut, so schwer und vollkommen unerschütterlich, dass sie das Summen der Transformatoren im Unterboden vollkommen übertönte. Ich setzte den gusseisernen Dreikant direkt in die verdeckte Revisions-Bohrung des roten Siemens-Kastens, verkantete das Metall mit meiner gesamten, von vierzig Jahren Handwerk harten Kraft und drehte die Welle mit einem einzigen, peitschenartigen Ruck um neunzig Grad nach rechts.
KLA-TSCHACK.
Es war das Geräusch einer digitalen Entmachtung.
In tam-tam-artiger, absolut unaufhaltsamer Präzision schlug das Haupt-Sicherheits-Relais der Palais der Meere AG im Zwischengeschoss an: PANG-KLACK.
Die speicherprogrammierbare SIMATIC-Steuerung des Gebäudes, die gesetzlich darauf programmiert war, bei einem autorisierten Master-Feuerwehr-Override sämtliche lokalen Havarie-Befehle von Betriebswirten und Direktoren augenblicklich zu überschreiben, trat in Kraft.
- Unten im Keller, in Sektor Sieben, wurden die vierhundert Kilowatt starken KSB-Titan-Pumpen durch den digitalen Lastabwurf hart von den 400-Volt-Schienen getrennt. Das mörderische Pfeifen der Schaufeln erstarb in einem hohlen, auslaufenden Summen.
- An den beiden Haupt-Einfahrtsrampen der Tiefgarage Deck Drei lösten sich die elektromagnetischen Halte-Klammern der vier Tonnen schweren, gelb lackierten Rolltore aus feuerverzinktem Stahl. Mit einem ohrenbetäubenden, mahlenden KRAAAAA-TSCHUMM, das den Beton unter unseren Arbeitsstiefeln erzittern ließ, donnerten die Schotten nach unten und versiegelten die Garage vollkommen gegen die Ericusbrücke. Der Maybach saß in der Falle. Niemand kam hier mehr mit einem Auto heraus.
- Oben im Foyer, unter der schwebenden Blauwal-Plastik, setzte das Live-Quartett mitten im Takt aus.
Durch die achtzig raumhohen Decken-Lautsprecher des Aquariums, getaucht in das warme Amber-Licht der Quallen-Säulen, schallte keine herrische Manager-Stimme. Es war die absolut kristalline, vollkommen ruhige, vom Band gesprochene Standard-Stimme der Hamburger Berufsfeuerwehr:
„Achtung. Dies ist eine amtliche Sicherheitsdurchsage. Im Untergeschoss ist ein kritischer, hochgradig toxischer Betriebsunfall aufgetreten. Bitte verlassen Sie das Foyer umgehend über die gekennzeichneten Haupt-Fluchtwege der Ebene Minus Eins. Nutzen Sie nicht die Fahrstühle. Bewahren Sie Ruhe.“
Drei Sekunden lang herrschte im Treppenhaus eine Totenstille, in der man nur das leise, rhythmische Knistern des abkühlenden Maybach-Auspuffs hörte.
Und dann brach die Welt der Hamburger Elite auseinander.
Es war kein würdevolles Schreiten mehr. Es war das fahrige, panische, von reiner Todesangst getriebene Trappeln von achtzig wohlhabenden Menschen, die glaubten, unter ihren Füßen sei eine Chlorgas-Bombe explodiert. Die schweren, doppelwandigen Panik-Türen, die vom Haupt-Verbindungsgang direkt auf das VIP-Parkdeck Drei führten, schwangen mit einem harten, synchronen KLA-BUMM nach außen auf.
Ein eiskalter Zug von Parfüm, Laurent-Perrier-Champagner und gebratenem Steinbutt flutete über die grauen Beton-Absätze nach unten.
Angeführt von Senator Wartenberg, dessen Krawatte bereits schief saß, stürmte die feine Gesellschaft die Treppenstufen herab in die helle, grell ausgeleuchtete Realität der Tiefgarage. Hinter ihm rannte seine Frau, das teure, nachtblaue Samtkleid mit beiden Händen hoch über die Knie gerafft, gefolgt von den Vorstands-Vorsitzenden der Sparkassen, drei Richtern des Oberlandesgerichts und den Lokal-Redakteuren des Hamburger Abendblatts, deren Kameras bereits im harten Rhythmus der Blitzlichter klickten.
Sie blieben auf dem Treppen-Absatz stehen.
Ihre Gespräche, ihr vornehmes Flüstern, ihr arrogantes Schweigen – alles starb mitten in der Bewegung ab. Der Halbkreis der Smoking-Träger fror im weißen Licht der Neon-Röhren ein.
Das Bild, das sich ihnen bot, besaß eine geradezu alttestamentarische Zerstörungs-Wucht.
- Auf der obersten Schwelle hing Albert von Finck – der größte private Mäzen der Stadt, der Patriarch der Schifffahrts-Linie –, mit dem Rücken durch seinen eigenen Kaschmir-Mantel an die Fond-Tür seines Maybachs geklemmt, das Gesicht fahl und von grauem Speichel gezeichnet, die Augen weit aufgerissen vor Entsetzen.
- Direkt vor seiner Nase stand Professor Dr. Christian Thomsen im abgetragenen, schmutzigen Cord-Sakko und hielt dem Milliardär eine klobige, blau eloxierte Chemotherapie-Pistole an die Halsschlagader, in deren gläserner Kammer das gelbe Gift schimmerte.
- Zu ihren Füßen, mitten in einer Pfütze aus eiskaltem Salzwasser und rissigen Schweizer Tausender-Bündeln, kniete Dr. Martin Krüger und versuchte mit zitternden, blutigen Fingern, seine aufgerissene Sattler-Tasche zuzuhalten.
- Und genau in der Mitte der Treppe, den massiven, neunzig Zentimeter langen Knipex-Bolzenschneider in der rechten Hand, stand ich: David Okonjo, siebenundfünfzig Jahre alt, das Jochbein deutlich sichtbar pflaumengroß geschwollen, das nasse Arbeits-Polohemd in Fetzen von meinen schwarzen Schultern hängend.
„Albert …“, flüsterte Senator Wartenberg. Sein Sektglas entglitt seinen Fingern und zerschellte auf den grauen Heuga-Fliesen. „Mein Gott im Himmel … was ist hier los?“
Aus der hinteren Reihe der Journalisten schob sich der hochgewachsene Chefreporter des Abendblatts nach vorn, hob seine professionelle Sony-Kamera und drückte den Auslöser durch. Klick-surr. Klick-surr. Das grelle, weiße Blitzlicht warf gestochene, unlöschbare Schatten der Szenerie gegen die Betonwände.
Es war der Moment, in dem ich den Kopf senkte und auf meine linke Arbeitsstiefel-Spitze blickte.
Dort, fest eingeklemmt im groben Profil meiner salzigen Gummisohle, steckte noch immer ein winziger, zwei Millimeter dicker, dicker Glassplitter der Schott-Duran-Flasche, die Helena Voss vor einer Stunde im Foyer zerschmettert hatte.
In genau diesem Sekundenbruchteil begriff ich die gesamte, monströse, absolut göttliche Ironie dieses Abends – den finalen Twist, der die ganze Zeit offen im Raum gestanden hatte, aber den niemand von ihnen hatte sehen wollen.
Helena Voss hatte mich vorhin im gläsernen Verbindungsgang nicht vor den Augen der Senatoren geohrfeigt und meine Messflasche zerschlagen, weil sie eine hysterische, unkontrollierte Frau war. Sie hatte es aus einer meisterhaft kalkulierten, eiskalten Frankfurter Management-Arroganz getan. Sie wollte vor den achtzig Sponsoren das Bild der „absoluten, unerschütterlichen Herrscherin“ inszenieren, die einen unfähigen, saboteuresken Keller-Arbeiter öffentlich zermalmt, um jeden Zweifel an der Betriebssicherheit ihres Hauses im Keim zu ersticken. Sie dachte, ich sei wehrlos. Sie dachte, ich sei unsichtbar.
Und sie dachte, der alte Mann im Cord-Sakko, der sich hinter ihr auf die Knie ließ, sei nur ein schrulliger, seniler Professor, der aus akademischer Pedanterie ein paar Scherben aufhob.
Doch genau diese herablassende, brutale Theatralik war ihr Untergang.
Wenn Helena Voss mich vorhin einfach durch das Foyer in mein Labor hätte gehen lassen … dann hätte ich die fünfzig Milliliter Fundament-Wasser in den Brutschrank gestellt. Ich hätte das Reagenz angesetzt. Ich hätte den stechenden Geruch von Formalin und Kupfersulfat bemerkt. Ich hätte mich gewundert, den internen Mängelbericht Nummer B-07 ausgefüllt, ihn in einen gelben Hauspost-Umschlag gesteckt und ihn am Montagmorgen bei ihrer Sekretärin abgegeben.
Und Helena Voss hätte diesen Umschlag genommen, ihn angelächelt und ihn um zehn Uhr spurlos in den dicken Streifen-Schredder ihrer Buchhaltung geworfen. Niemand hätte je davon erfahren. Die Kadaver der Arapaimas wären über den Winter im Pumpensumpf zu grauem Schlamm zersetzt worden.
Aber weil sie die dicke Schott-Flasche in ihrer Geltungssucht auf den polierten Solnhofener Natursteinboden schleuderte … zersprang das Glas. Das Wasser versickerte in den porösen Kalkrissen. Und aus dem Bodensatz der Flasche löste sich exakt jenes winzige, von Silikon ummantelte Körnchen, das man im Schredder nicht vernichten kann: der passive RFID-Transponder Trovan-ID-100. Die unzerstörbare, vom Bundesamt für Naturschutz registrierte, amtliche Identitäts-Kennung eines Fisches, der laut ihren eigenen Zoll-Dokumenten seit einem Jahr in Riad schwamm.
Helena Voss hatte in ihrem Drang nach öffentlicher Demütigung das absolut tödlichste, fälschungssicherste Beweisstück des gesamten Skandals eigenhändig aus dem Fundament geholt und es dem einzigen Mann in Norddeutschland vor die Füße geworfen, der dessen Serien-Nummer auswendig kannte.
Ihre eigene Arroganz hatte das Schloss geschmiedet, das nun ihre Zelle verriegelte.
Das Heulen der echten Sirenen draußen auf der Ericusbrücke besaß nicht den schrillen, synthetischen Ton von amerikanischen Hollywood-Filmen. Es war das schwere, tiefe, absolut melancholische, mahlende Martin-Horn der Hamburger Berufsfeuerwehr: Ta-tü-ta-ta. Ta-tü-ta-ta.
Drei gelb-rote Rettungswagen der Wache Eins, begleitet von zwei schweren, blau-silbernen Einsatzleitwagen der Polizei-Direktion Süd (Caffamacherreihe) und dem dicken, grauen Rüstwagen des Umweltzugs Hamburg-Mitte, bogen mit quietschenden Reifen von der Oberhafen-Kantine auf das Kopfsteinpflaster des Vorplatzes.
Die schweren Rolltore der Tiefgarage fuhren mit einem harten Ruck wieder nach oben, als die Zugführer der Feuerwehr die Steuerung von außen über den Haupt-Kasten übernahmen.
Es gab kein heroisches Geschrei. Es gab kein Klatschen der Menge.
In Hamburg vollzieht sich der Zusammenbruch der Macht in einer vollkommen kühlen, geradezu bürokratischen Totenstille. Die beiden Leibwächter von Albert von Finck legten ihre Dienstwaffen unaufgefordert auf das Dach des Maybachs, traten drei Schritte zurück und ließen sich von zwei jungen Polizeiobermeistern in dicken, gelben Leucht-Jacken die Kabelbinder um die Handgelenke ziehen.
Ein hochgewachsener, zweiundfünfzigjähriger Hauptbrandmeister mit grauem Schnauzbart und einem weißen Helm, auf dem das rote ‘A’ des Einsatz-Leiters prangte – ein Mann namens Dierks, den ich seit zwanzig Jahren von den Sicherheits-Abnahmen der Speicherstadt kannte –, marschierte mit schweren Stiefeln durch die Menge der erstarrten Millionäre. Er blickte auf das Schweizer Geld. Er blickte auf Thomsens Injektions-Pistole. Und dann blickte er auf meinen Knipex-Schlüssel und meine geschwollene Wange.
„Mensch, David“, brummte Dierks. Er nahm den Helm ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Funk-Antenne an der Schulter knisterte mit leisem Rauschen: „Leitstelle für Florian Hamburg 12-1, Lagemeldung: Gefahrstoff-Austritt Ebene Minus Zwei gestoppt. Keine Personenschäden im Foyer.“
Dierks klopfte mir mit der schweren, behandschuhten Hand einmal fest auf die unverletzte Schulter.
„Du siehst aus, als hättest du den Hauptsammler am Rödingsmarkt mit den Zähnen freigebissen, Okonjo. Gott sei Dank bist du unten geblieben. Wenn die TBT-Formalin-Scheiße ins Ozeanbecken gegangen wäre, hätten wir das halbe Hafenbecken bis zu den Landungsbrücken mit Ölsperren abriegeln müssen. Gute Arbeit, Maschinist.“
Hinter ihm schoben zwei Kriminalbeamte in zivilen Lederjacken Dr. Helena Voss die eiserne Fluchttreppe von der Ebene Minus Zwei herauf.
Ihr smaragdgrünes Seidenkleid war im vorderen Bereich vollkommen mit grauen, rissigen Salz- und Kalk-Krusten überzogen; ihr linker Ärmel war bis zur Schulter aufgerissen, und ihre makellose Frisur hing ihr in nassen, strähnigen Fransen über das aschfahle Gesicht. Als sie Senator Wartenberg sah, der noch immer auf der Treppe stand, versuchte sie ein letztes Mal, ihren Hals zu strecken.
„Herr Senator!“, rief sie, und ihre Stimme klang dünn, brüchig, vollkommen entkernt. „Dieser Anlagentechniker hat die SIMATIC-Protokolle manipuliert! Ich verlange, dass man seine Spinde durchsucht! Er ist fristlos entlassen! Er hat Hausverbot!“
Der ältere der beiden Kriminalbeamten blieb stehen. Er legte seine flache Hand vollkommen ruhig, aber mit unerbittlicher Schwere auf ihre Schulter.
„Frau Voss“, sagte der Beamte im feinsten, trockensten Hamburger Amtsdeutsch. „Ihre Personalien sind über das Melderegister gesichert. Wenn Sie jetzt weiter sprechen, dokumentiere ich das im Vernehmungs-Protokoll als spontane Einlassung zur Sache. Ich rate Ihnen als beschuldigter Person dringend, den Mund zu halten.“
Senator Wartenberg drehte sich langsam um. Er sah sie nicht an. Er würdigte sie keines Wortes. Er nahm den Arm seiner Frau, trat zwei Schritte zur Seite und wandte ihr den Rücken zu.
Es war die absolute, unfehlbare hanseatische Höchststrafe: Man wendet sich ab. Man kennt diesen Menschen nicht mehr. Helena Voss existierte in dieser Stadt von diesem Moment an nicht einmal mehr als Fußnote in einer Insolvenz-Akte.
Zwei Sanitäter der Berufsfeuerwehr wickelten Albert von Finck, der noch immer schlotternd und hustend in seiner Maybach-Tür hing, in eine raschelnde, gold-silberne Rettungsfolie. Sie mussten den Mantel mit einer Schere am Revers aufschneiden, um ihn vom Schloss zu lösen. Als man ihn auf die rollbare Trage legte, fielen drei verknitterte Fünfzig-Euro-Scheine aus seiner Tasche und blieben im nassen Schmutz der Reifen-Spuren liegen.
„Kommen Sie, Okonjo“, brummte Professor Thomsen. Er hatte die blaue Injektions-Pistole ordnungsgemäß in einen durchsichtigen Beweismittel-Beutel der Kriminalpolizei gleiten lassen und rieb sich mit dem rot karierten Taschentuch die zitternden Hände trocken. „Die Herren vom Kriminal-Dauerdienst wollen unsere Unterschriften unter der Sicherstellungs-Quittung für das Leuchtturm-Buch. Und dann lade ich Sie drüben in der ‘Oberhafen-Kantine’ auf ein anständiges, ehrliches Matjes-Brötchen ein. Mir hängt dieser verdammte Steinbutt-Dunst im Hals.“
Es war 23:46 Uhr, als ich das Palais der Meere verließ.
Ich nahm kein Taxi. Ich stieg in keinen Streifenwagen. Ich lief mit meinen schweren, nassen, von Salz und Schlamm steifen Arbeitsstiefeln über die nassen Planken der Ericusbrücke. Die Luft über dem Zollkanal war kühl, feucht, getaucht in den fahlen, gelblichen Schein der alten Hamburger Gas-Laternen.
Unten im Wasser spiegelten sich die roten und grünen Positions-Lichter einer passierenden Hadag-Fähre. Es roch nach Elbe. Es roch nach echtem, schwerem, brackigem, schlickigem Hamburger Flusswasser – nicht nach Ozon, nicht nach Formalin, nicht nach der sterilen Lüge der Hafencity.
Ich lief über den Scharfreiterplatz bis in die kleine, dunkle Seiten-Straße hinter der Haupt-Feuerwache. Dort stand mein Auto: ein vierzehn Jahre alter, grauer Opel Astra Caravan, dessen linker Kotflügel eine verrostete Delle von einem Park-Rempler beim Edeka in Langenhorn trug.
Ich schloss die Fahrertür auf. Das kühle Plastik des Lenkrads fühlte sich unter meinen rissigen Handflächen an wie ein altes, vertrautes Werkzeug. Ich drehte den Zündschlüssel. Der 1.7-Liter-Diesel-Motor sprang mit einem harten, ehrlichen, rasselnden Nageln an, das die Sitze vibrieren ließ.
Ich fuhr durch das nächtliche Hamburg. Vorbei an der beleuchteten Kunsthalle, über die Kennedybrücke, den Blick kurz hinüber auf die dunkle, weite Fläche der Außenalster gerichtet, auf der die weißen Segel der Boote im Mondlicht schimmerten. Dann bog ich ab auf die B433. Nordwärts. Raus aus den gläsernen Schluchten. Rein in die roten Backstein-Reihenhäuser.
Tangstedter Landstraße. Langenhorn.
Als ich den Blinker setzte und in unsere kleine, enge Wohn-Straße einbog, sah ich schon von Weitem das gelbe Licht.
Die kleine, altmodische Außen-Leuchte über unserer Haustür brannte.
Ich stellte den Motor ab. Ich saß noch eine halbe Minute im dunklen Wagen und hörte dem weichen, rhythmischen Tack-Tack-Tack des abkühlenden Katalysators zu. Dann stieg ich aus, nahm meine schwere Segeltuch-Tasche von der Rückbank und schloss die Haustür auf.
Im engen Flur roch es nach Bohnerwachs, nach feuchter Wolle und nach dem leisen, warmen Dunst von gebratenen Kartoffeln.
Ich zog meine salzigen Arbeitsstiefel aus und stellte sie akkurat auf die graue Gummi-Matte neben der Garderobe. Meine Knie knackten dabei genau so laut wie vorhin die von Professor Thomsen.
Ich schob die Küchentür auf.
Martha saß am Tisch.
Sie trug ihre bequeme, graue Strickjacke aus Lammwolle; ihr graues, dichtes Haar war im Nacken mit einer hölzernen Spange zusammengefasst. Auf dem Tisch stand die alte, weiß-blaue Teekanne von Arzberg, daneben lag das un-eingelöste Rezept für ihre Schmerzmittel und der ungeöffnete, dicke Brief von der Hausverwaltung mit der Miete-Erhöhung. Ihre eiserne Unterarm-Gehstütze lehnte griffbereit an der warmen Heizung.
Im kleinen Küchen-Radio auf der Fensterbank lief leise das Nachtprogramm von NDR Info. Ein Sprecher verlas die Schlagzeilen: „Hamburg: Groß-Einsatz der Polizei und Feuerwehr in der Hafencity. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen schwerer Umwelt-Vergehen im Palais der Meere…“
Martha schaltete das Radio mit einem weichen Klick ab.
Sie blickte hoch. Sie sah mein zerrissenes, schmutziges Polohemd. Sie sah die langen, getrockneten Blut-Krusten an meinem Schlüsselbein. Und dann sah sie auf meine linke Wange, über der das Jochbein mittlerweile in einem tiefen, mörderischen Dunkelviolett schimmerte.
Sie schrie nicht. Sie schlug die Hände nicht über dem Kopf zusammen. Wir sind seit dreißig Jahren verheiratet; sie ist die Tochter eines Kranschlössers von der Reiherstieg-Werft. Sie kennt den Hafen. Sie weiß, wie Männer aussehen, wenn das Blech gegen sie gearbeitet hat.
Martha stand langsam auf. Man sah den harten, kurzen Schmerz-Zug um ihren Mund, als ihre arthrotische Hüfte das Gewicht übernahm. Sie ging zum Spülbecken, ließ eiskaltes Wasser in eine kleine Porzellan-Schüssel laufen, nahm ein sauberes, rot kariertes Leinen-Geschirrtuch vom Haken, faltete es sorgfältig zu einer schmalen Kompresse und setzte sich wieder mir gegenüber an den Tisch.
„War es laut heute unten im Keller, David?“, fragte sie leise.
Ich legte meine beiden Hände – die großen, schweren, vollkommen sauberen Hände eines Maschinisten – flach auf die graue Resopal-Platte unseres Küchentisches. Neben meinem Daumen lag Kowalskis dicker Messing-Schlüsselbund.
„Nein, Martha“, sagte ich, während ich spürte, wie mir die erste, eiskalte, absolut befreiende Träne dieses langen Abends über die geschwollene Wange in den grauen Bart lief. „Heute Abend war es ganz still.“
Martha nickte einmal kurz. Sie streckte die Hand aus und presste das kühle, feuchte Leinentuch mit unendlicher, weicher Sanftmut direkt auf mein pochendes Jochbein.
„Der Brief vom Vermieter“, sagte sie, ohne den Blick von meinen Augen zu lösen. „Ich habe ihn noch nicht abgeheftet.“
Ich schob das dicke, ungeöffnete Papier mit dem Daumen über den Tisch bis an die Kante meines Tee-Glases.
„Heft ihn ab, Martha“, brummte ich. „Morgen früh um acht fahre ich mit dem Astra zur Haupt-Bezirksstelle der Arbeitsagentur am Kurt-Schumacher-Allee. Ich melde mich arbeitslos. Und am Montagvormittag gehe ich zum Mieterverein in der Sonnin-Straße und gebe denen die Vollmacht für den Widerspruch.“
Ich blickte auf ihre rissigen, warmen Finger, die das Tuch hielten.
„Wir gehen hier nicht weg, Martha. Das ist unsere Stadt. Wer die Rohre kennt, kennt die Wahrheit.“